Das Pommersche Landesmuseum beherbergt Kunstwerke von internationaler Bedeutung, bekommt aber häufig wenig Beachtung von Studierenden. Ein Besuch offenbart seine Schätze und die ein oder andere Überraschung.

Nach einigen Wochen hat man als Erstsemester allmählich ein Gefühl für die Stadt bekommen. Diverse Feierlokalitäten wurden ausprobiert, das ein oder andere Café zum Stammlokal erklärt und die wenigen Klamottenläden sind bekannt. Warum sich also nicht mal einer anderen Seite widmen und die kulturellen Schätze im Pommerschen Landesmuseum erkunden? Besonders die Werke des berühmtesten Sohns der Stadt, Caspar David Friedrich, machen die Gemäldegalerie zu einem Muss für jeden Greifswalder. Doch auch auf die anderen Kunstobjekte bin ich gespannt, als ich durch die überdachte „Museumsstraße“ auf die Tür zur Galerie zugehe.

Kunst und Musik

Zunächst führt mich der Rundgang zu zwei Schautafeln mit der Geschichte des Museums. Das heutige weiße Gebäude wurde in den späten 1990er Jahren gebaut. Einzelne Teile des gesamten Komplexes, wie beispielsweise das „Graue Kloster“, stehen schon seit dem 13. Jahrhundert an Ort und Stelle. Außer der Gemäldegalerie befinden sich im Museum noch eine Ausstellung zur Erd- und Landesgeschichte im Untergeschoss und wechselnde Sonderausstellungen in der Museumsstraße.

Doch nun zu den Kunstobjekten. Ich komme sofort ins Stutzen, als ich mitten im ersten Raum ein Klavier sehe. Kunst und Musik liegen ja bekanntlich nicht weit voneinander entfernt, aber verwunderlich ist es dennoch. Die Lösung des Rätsels hängt gegenüber an der Wand und ist ein großformatiges Doppelporträt des Komponisten Gaspare Spontini und seiner Ehefrau Céleste. Am rechten Bildrand erkennt man das gleiche Tasteninstrument wie jenes im Ausstellungsraum. Das Paar sitzt in eleganter und gleichzeitig strenger Pose in einem Zimmer mit Fenster, das einen Ausblick in die idyllische italienische Landschaft gewährt – ein Hinweis auf die Heimat des Komponisten. Die Herkunft des Künstlers jedoch überrascht und erfreut mich zugleich.

Wie in dem Begleitbuch zur Ausstellung steht, wurde Wilhelm Titel in einem kleinen Ort bei Lubmin geboren und wirkte nach einem abgebrochenen Studium der Theologie ab 1826 als Universitätszeichenlehrer in Greifswald. Ein Alumnus sozusagen. Das Detail des Landschaftsausschnitts liegt scheinbar im Hintergrund und dennoch zeigt es, dass Wilhelm Titel sowohl in der Porträt- als auch in der Landschaftskunst begabt war.

Ich gehe weiter und entdecke viele unbekannte Malereien aus der Renaissance und Romantik, bis hin zu einigen Vertretern des Impressionismus und Expressionismus. Ein dagegen wohl bekanntes Gemälde ist die 1888 von Vincent van Gogh gemalte „Allee bei Arles“.  Ein Bild, das ich vor Jahren im Kunstunterricht nachzeichnen sollte. Van Gogh ist für seine neue Pinselführung und die Verwendung komplementärer Farbtöne bekannt, die man in diesem Werk selbst als Kunstlaie deutlich erkennen kann. Es stellt in satten Farben eine sommerliche Allee mit einem Landhaus dar. Trotz des eher sachlichen Motivs spüre ich als Betrachter eine besondere Tiefe in der Landschaft und glaube nachempfinden zu können, wie van Gogh sie vor mehr als 120 Jahren auf seiner Reise nach Südfrankreich gesehen hat.

Die Einheit der Naturkräfte

So langsam merke ich, wie sich die Galerie leert. Nach wenigen weiteren Schritten wird meine Aufmerksamkeit auf ein anderes Bild gelenkt. In diesem herrscht ein ähnliches Wetter wie gerade draußen auf der Straße – wie schön, dass ich im warmen Museum bin. Es handelt sich um eine Landschaftsmalerei der Insel Vilm von Friedrich Preller. Der Maler unternahm in seinem Leben mehrere Studienreisen nach Rügen und entwickelte dabei eine besondere Begeisterung für die im Südosten vorgelagerte kleine Insel, wo sich im 19. Jahrhundert in den Sommermonaten eine regelrechte Künstlerkolonie entwickelt hat. Auf dem Bild stellt er das Zusammenspiel der Naturkräfte Sturm, Meer und Wald dar, welches nur durch eine Reisigsammlerin auf dem Küstenpfad sowie ein Segelboot weit draußen auf dem Meer unterbrochen wird. Preller hat auf Vilm scheinbar einen bleibenden Eindruck hinterlassen, denn die abgebildete raue Küstenformation mit vom Wind durchwühltem Wald wurde später auch als „Preller Eck“ bekannt.

Ich bin so sehr in die Situation vertieft, dass ich gar nicht bemerke, wie ruhig es in der Galerie geworden ist. Moment mal, außer mir ist gar niemand in diesem Raum, geschweige denn in den angrenzenden! Bei einem Blick auf die Uhr stelle ich fest, dass das Museum in einer knappen halben Stunde schließt. Während es draußen allmählich dämmert, werde ich von der wilden Stimmung der Ostsee in die vornehme Sitte der reichen europäischen Kaufleute versetzt. Von der Wand starren mich nämlich zwei Augenpaare an. Kleidung und Haltung der porträtierten Personen machen deutlich, dass es sich dabei um Leute von Rang handeln muss. Die in zwei einzelnen Werken dargestellten Eheleute wurden im 17. Jahrhundert von dem aus Antwerpen stammenden Künstler Frans Hals gezeichnet und bekleiden laut Museumsführer eine Position der stadtbürgerlichen Elite Haarlems. Nein, es handelt sich nicht um den hippen New Yorker Stadtteil, sondern um eine niederländische Stadt nahe Amsterdam, in welcher man ein „Frans Hals Museum“ besuchen kann. Spannend ist auch, dass das Paar erst vor gut einem Jahr wieder zueinander gefunden hat, denn das Gemälde der Dame gehörte vorher zur Stettiner Kunstsammlung. Im Museumskatalog erfahre ich außerdem, weshalb der Künstler zu seiner Zeit als außergewöhnlicher Porträtmaler galt – er stellte seine Modelle nicht rein objektiv dar, sondern gab ihnen durch Mimik, Gestik und zufällige Elemente wie das Wehen des Mantelkragens eine gewisse Lebendigkeit.
Während ich darüber nachdenke und das Bild auf weitere Zufälle untersuche, werde ich jäh aus meiner Konzentration gerissen, als das Licht im Raum ausgeht. Und dann im nächsten Raum, und im übernächsten. Was ist hier los? Laut meiner Uhr habe ich noch einige Minuten bis zur Schließung und auf einmal ist die Gelassenheit des Museumsbesuchs fort. Ich sehe und höre auch überhaupt keine anderen Besucher mehr. Normalerweise kündigt ein Museum doch die Schließung mit einem Signal vorher an. Da ich dieses noch nicht gehört habe, beschließe ich einfach, meinen Rundgang fortzusetzen. Außerdem bekommen manche Bilder in der Dunkelheit eine noch intensivere Wirkung, wie beispielsweise das nächste von Gustav Wimmer. Wenn auch schwer leserlich, verrät mir der Katalog, dass der Künstler im ersten Weltkrieg seinen Militärdienst leisten musste, welcher seine Persönlichkeit und damit auch sein Schaffen beeinflusste. Sie erinnern teilweise an die Ruhelosigkeit der Romantik, beinhalten aber eine schwerwiegende Melancholie, welche in der 1936 entstandenen „Flusslandschaft im Mondlicht“ förmlich auf den Betrachter überspringt.

Plausch unter Gemälden

So langsam kommt mir die Situation merkwürdig vor und ich mache mich etwas ängstlich auf die Suche nach anderen Menschen. In einem kleinen Korridor begegne ich zweien. Wie erstarrt bleibe ich stehen und werde von ihren Blicken durchbohrt. Bin ich etwa verrückt geworden, oder warum fühle ich mich hier so, als würde ich ein vertrauliches Gespräch der beiden Männer stören? Erst nach einem Moment merke ich, dass sie gar nicht der Realität entstammen, sondern zweier Gemälde. Das muss wohl die völlige Stille sein. Die Portraits hängen sich diagonal im Raum gegenüber und stammen nicht einmal vom selben Künstler, und dennoch wirken sie so, als wären sie zumindest in Blickkontakt miteinander. Auf einmal überkommt mich das seltsame Gefühl eines Déjà-vus – ich befinde mich genau wie Ben Stiller in der Filmreihe „Nachts im Museum“.

Trotz dieser Erkenntnis denke ich, dass es an der Zeit ist, meinen Besuch zu beenden, denn in wenigen Augenblicken wird das Museum geschlossen – sofern es denn noch eine Realität gibt, mit Museumsangestellten, Alarmanlagen und der Außenwelt. Ach ja, fast hätte ich etwas vergessen. Der Raum mit den Werken Caspar David Friedrichs liegt am entgegengesetzten Ende der Galerie und der Weg dorthin ist gruselig! Vom Gemälde der „Drei Kinder des C. Hermann Schulz“, geschaffen von Carl Arend, schauen drei kleine Augenpaare von ihren Beschäftigungen auf und mir direkt in die Augen. Bewegt der Junge etwa seine Hand auf den Säbel zu, der im vorderen Bildrand liegt? Ich will es gar nicht wissen und gehe rasch weiter.

Kurz bevor ich mein Ziel erreiche kommt mir eine Person mit Taschenlampe entgegen. Es ist der Museumswächter. „Oh, ich habe Sie gar nicht mehr gesehen“, sagt er überrascht. „Der Strom ist scheinbar kurz vor Feierabend ausgefallen und meine Kollegen waren sich sicher, dass hier niemand mehr ist. Kommen Sie, ich bringe Sie raus.“ Ihm ist die Angelegenheit etwas peinlich, doch mich beschäftigt vielmehr, dass ich bei all meinen Entdeckungen keinen einzigen Friedrich zu Gesicht bekommen habe. Auf meine Nachfrage und einen kleinen Augenaufschlag führt er mich zur berühmten Ansicht des Greifswalder Marktes. Das Gemälde malte Caspar David Friedrich 1818 während der Hochzeitsreise mit seiner Gattin Caroline in seine Heimatstadt als Gastgeschenk für seinen Bruder Heinrich. Abgebildet sind das Rathaus und die Ratsapotheke, wie man sie noch heute von der Sparkasse aus sehen kann. Die dargestellten Personen jedoch passen nicht so recht in unser Jahrhundert. Es handelt sich um Friedrichs Familienangehörige, Brüder, Schwägerinnen und Neffen sowie Bekannte, die er zur Erinnerung festgehalten hat. Der Wächter tritt ungeduldig von einem Bein auf das andere. Er begleitet mich zum Ausgang, verabschiedet mich und ich spaziere anschließend in der Dämmerung mit Caspar David Friedrichs Familie über den stillen Marktplatz.

von Rachel Calé

Bild: Jan Krause