In Hinrichshagen bei Greifswald sprießen seit Anfang dieses Jahres rund 120 verschiedene Gemüse, Kräuter und Co. Dahinter steckt das Projekt „Solidarische Landwirtschaft“, ein Zusammenspiel aus Öko-Ideologie und Unabhängigkeit.

Keine ist wie die andere: Juliane Fengler zeigt fünf verschiedene Mohrrübensorten.

Keine ist wie die andere: Juliane Fengler zeigt fünf verschiedene Mohrrübensorten.

Ein Dienstagnachmittag. Das Wetter ist grau und ungemütlich kalt. Ich schwinge mich trotzdem auf mein Fahrrad. Zehn Minuten später stehe ich auf dem circa 4,6 Hektar großen Acker der Gemüse-Gärtnerei „Frisches für Freunde“, einem von über 60 Betrieben in Deutschland, die der Initiative „Solidarische Landwirtschaft “ (Solawi) angehören. Alles wirkt ein wenig provisorisch. Der Anbaubetrieb ist noch jung, die Idee dahinter dafür schon etwas älter. Neben zwei Folientunneln und einem Kühlhaus gibt es nur noch einen kleinen Schuppen. Das Ganze steckt merklich in seinen Kinderschuhen.

Bevor es aber konkreter wird, erstmal eine kurze Erläuterung, was sich hinter dem leicht sozialistisch klingenden Begriff verbirgt. Nachdem sie in den USA und Frankreich bereits existierten, begründeten sich in den 1980er Jahren auch in Deutschland die ersten Solidarhöfe. Die Idee dahinter ist, dass Produzenten landwirtschaftlicher Erzeugnisse und deren Verbraucher sich für einen bestimmten Zeitraum vertraglich unmittelbar aneinander binden. Das Besondere dabei: Die Erzeuger werden im Vorhinein von ihren Abnehmern bezahlt und die Ernte wird erst nachträglich unter den Unterstützern aufgeteilt. Dies geschieht in der Regel in Form wöchentlicher Gemüsekisten – ähnlich wie man sie in Greifswald auch schon von „Querbeet“ kennt –, die an festen Orten in der Nähe abgeholt werden können. Was entsteht, ist ein von der freien Marktwirtschaft losgelöstes Konstrukt, bei dem beide Parteien Verantwortung füreinander übernehmen und davon profitieren: Der Verbraucher erhält regionale Produkte aus ökologischer Landwirtschaft und weiß, wo seine Kartoffeln herkommen. Der Bauer weiß, für wen er produziert und erhält ein regelmäßiges und sicheres Einkommen – auch bei Ernteausfällen. Außerdem wird die Umwelt durch kurze Transportwege weniger belastet und es kann bedarfsgerecht, ohne Überproduktion, angebaut werden. Betriebe, die dieses System bereits für sich entdeckt hatten, taten sich 2011 schließlich zusammen und bildeten das „Netzwerk Solidarische Landwirtschaft“. Im Zuge dessen wurde auch der Verein „Solidarische Landwirtschaft e. V.“ gegründet.

Von der Idee bis zur Umsetzung

Seitdem entschließen sich in Deutschland, bisher vorrangig im Norden, immer wieder landwirtschaftliche Betriebe dazu, dem enormen wirtschaftlichen Druck, dem sie ausgesetzt sind, nicht länger standhalten zu wollen. Aber auch kleinere Bürgerinitiativen, wie im Fall von „Frisches für Freunde“ sind motiviert, gemeinsam Geld und Arbeit in ein solches Projekt zu investieren. In Greifswald bestand die Idee dazu schon einige Jahre, bevor sie im Jahre 2012 konkret wurde. Eine Kerngruppe aus sechs Leuten entschloss sich dazu, die Idee nicht länger nur Idee sein zu lassen. „Man muss es eben auch wirklich tun. Bereit dazu sein, dass einem im Winter die Hände abfrieren. Aber am Ende weiß man dann auch für wen“, so Juliane Fengler, Mitglied der Gründungsgruppe. Es folgte eine langwierige Aufbauphase, in der neben der Suche nach einer geeigneten Fläche auch rechtliche Fragen nach der Wirtschaftsform geklärt werden mussten. Man entschloss sich schließlich dazu, ein Einzelunternehmen in der unmittelbaren Nähe von Greifswald zu gründen. „Auf dem Land hat man natürlich mehr Raum und noch mehr Natur. Aber die Lage in der Nähe zur Stadt bringt auch Vorteile mit sich. Man muss nicht ständig alles mit Autos zum und vom Hof bringen. Unsere Ernteteiler, also die Leute, die wöchentlich Gemüse von uns erhalten und zum Teil auch gerne mithelfen oder ihr Gemüse persönlich abholen, haben es viel näher“, erklärt Fengler die Wahl der stadtnahen Lage.

Im vergangenen Jahr haben vier Mitarbeiter, darunter ein ausgebildeter Landwirt und eine Gärtnerin, damit begonnen, den erworbenen Acker teilweise zu bestellen. „Wir haben noch nicht die gesamte Fläche bepflanzt. Aber die Situation ist auch für uns noch etwas neu und ungewohnt und wir müssen erst einmal schauen, wie groß unsere Kapazitäten sind“, gesteht Juliane Fengler ein. In diesem Jahr wurden rund 60 Ernteteiler mit Kartoffeln, Kräutern und Gemüse versorgt und „so langsam kommen wir an unsere Grenzen. Wir müssen sehen, wie viel wir in der nächsten Saison schaffen“, so Fengler.

Alles außer Klopapier und Erdnüssen

mm120_35_Greifswelt_Salatfeld_LisaKKWährend ein Katzenbaby auf meinem Schuh Platz genommen hat und dort gar nicht mehr weg möchte, interessiere ich mich dafür, was genau hier eigentlich angebaut wird. „Bisher bauen wird nur Gemüse, Kartoffeln und Kräuter an“, erzählt mir Juliane Fengler. Ich habe davon gelesen, dass andere Solidarhöfe auch Obst und Sekundärerzeugnisse, also Lebensmittel, die unmittelbar aus den Produkten der Landwirtschaft hergestellt werden, aber auch beispielsweise Wolle, anbieten und erkundige mich. Das sei für „Frisches für Freunde“ bisher nicht geplant, erfahre ich. Solche Höfe gäbe es allerdings. Ein Beispiel dafür aus der Nähe ist der Hof „Schwarze Schafe“ in Wangelkow, der seine Kunden mit Schafmilchprodukten, Fleisch und Brot aus eigener Herstellung versorgt. Der Verkaufsstand der „Schwarzen Schafe“ steht auf dem Fischmarkt immer direkt neben einer Verteilstelle der Gemüsefreunde. Fengler merkt lachend an: „Die Leute müssen nur noch Klopapier und Erdnüsse dazu kaufen. Und eben ab und zu mal eine Avocado, wenn die Ernte hier im Winter dünner wird.“

Die Autos, die auf der direkt angrenzenden Straße immer wieder am Feld vorbei brausen, erinnern mich wieder daran, wie nah wir uns doch an der Stadt befinden und so erfahre ich, dass die Empfänger der monatlich 80 Euro kostenden Gemüsekisten ganz „bunt gemischt“, aus Greifswald und der Umgebung, sind. Studierende, viele davon in Wohngemeinschaften, oder Nachbarn, die sich die wöchentlichen Boxen untereinander aufteilen, aber auch Paare und Familien beteiligen sich. „Eigentlich gibt es unter unseren Abnehmern alle Lebensformen“, freut sich Fengler. Die Verbraucher kommen manchmal auch direkt im Garten vorbei und holen sich ihren Ernteanteil ab. Einer davon ist Ulrich, der „von Anfang an mit dabei“ war und von der guten Qualität und dem tollen Geschmack von Salat und den fünf verschiedenen Sorten an „schön süßen Möhren“ schwärmt. Denn für ihn spiele auch der Genuss eine Rolle. Andere nutzen eine der vier Abholstationen in Greifswald, von denen eine eben freitags auf dem Fischmarkt zu finden ist. Eine Verpflichtung, bei der Gartenarbeit mitzuhelfen, gibt es nicht. Von Zeit zu Zeit finden Mitgliederversammlungen statt, die wichtig für die Kommunikation untereinander sind. Hier besteht für die Abnehmer prinzipiell auch die Möglichkeit, Wünsche nach anderen Gemüsesorten zu äußern. „Es wird versucht, ein Meinungsbild zu gewinnen, aber viele sind auch einfach mit dem zufrieden, was sie schon bekommen. Da sind immer Leute, die das eine oder das andere Gemüse nicht mögen, aber das gleicht sich aus“, berichtet Juliane Fengler.

Bio soweit das Auge reicht

Wir stapfen ein wenig weiter auf das Feld hinaus. Man erkennt, dass die hier wachsenden Kohlköpfe mit Sicherheit nicht irgendeiner EU-Norm entsprechen. Wahrscheinlich haben auch Nager sie nicht ganz verschont. Dafür ist das Angebot wesentlich vielfältiger als in herkömmlichen Supermärkten. „In dieser Saison wurden neben den fünf verschiedenen Karottenarten auch 23 verschiedene Sorten von Tomaten angebaut“, erzählt Fengler mir mit Blick über die Gemüsebeete stolz. Sie zieht sich die Mütze tiefer ins Gesicht, die Hände längst in den Tiefen der warmen Jackentaschen vergraben.  Auch Exoten wie Schnittkohl gibt es hier. Neulich sei ein Afrikaner vorbei gekommen und habe sich über den Kohl „aus seiner Heimat“ gefreut, der weder in Supermärkten noch in Bioläden ohne weiteres zu finden sei.

Im Rahmen der ökologischen Landwirtschaft wird auf natürliche Art und Weise, wie zum Beispiel mit Kuhmist, gedüngt und man verzichtet auf chemische Pestizide. Statt unnatürlicher Kreuzungen, die die Pflanzen unfruchtbar machen, „kommen neben einigen Hybriden, bei denen das eben doch Sinn macht, vor allem samenfeste Pflanzen zum Einsatz, aus denen sich die Saat für die nächste Saison gewinnen lässt“, teilt Fengler mit. Ich wundere mich, dass die Pflanzen nach nur einer Saison schon so gediehen sind und frage nach. Die Mitbegründerin der Solawi erklärt mir, dass ein Großteil der Setzlinge nicht selbst gezüchtet, sondern von einer Bio-Großgärtnerei aus der Nähe von Neubrandenburg beschafft wird. „Anders wäre das sonst auch gar nicht zu schaffen. Wir pflegen die kleinen Pflänzchen dann zunächst in unseren Gewächshäusern, bis sie groß genug sind und auf das weite, weniger Schutz bietende Feld entlassen werden können. Außer die Tomaten, die bleiben drin“, lässt mich Juliane Fengler wissen. Alles unterliegt strengen Bio-Richtlinien und Auflagen und wird selbstverständlich auch überprüft. Für die Bestäubung der Tomatenpflanzen wurden eigens Hummeln angeschafft, die in den Folientunneln ganz natürlich ihr Werk verrichteten, erfahre ich zuletzt. Wir stehen wieder vor dem Gewächshaus, in dem ein Mitarbeiter gerade in die sichtlich mühevolle Gartenarbeit vertieft ist.

von Rebecca Firneburg

Fotos: Lisa Klauke-Kerstan