Die Mediziner, diese Mediziner… Angeblich lernen sie viel. Sicher ist, dass sie sich auf Partys immer danebenbenehmen. So oder so, in Greifswald kennt scheinbar jeder irgendeinen Mediziner. Wie kommen die eigentlich hier her? Und hatten die wirklich alle eine 1,0 im Abi?

Um die Zulassung zum Medizinstudium ranken sich Legenden. Schwieriger als das Erste Staatsexamen. Undurchsichtiger als Boddenwasser. Dreckiger als die Fifa. Dabei haben viele die Worte „Zentrale Vergabestelle für Studienplätze“ (ZVS) und „hochschulstart.de“ schon irgendwo einmal aufgeschnappt.

Fest steht, die ZVS ist Geschichte. Mittlerweile läuft alles online über die Stiftung für Hochschulzulassung – hochschulstart.de. Dort sind alle Universitäten, an denen man Medizin studieren kann, aufgelistet, die Bewerbungsvoraussetzungen sind angegeben.

„Zwei Mal war ich bei der Arbeitsagentur und habe mich beraten lassen, wo ich mich mit meinem Abi und meinen Voraussetzungen am besten bewerbe. Das war kein Zuckerschlecken!“  Jonas Schmidt*, 1. klinisches Jahr

Gesetzlich ist geregelt, dass die Studienplätze in einem 20-20-60 Prozentsystem vergeben werden. Zuerst werden 20 Prozent über die Abiturbestnote verteilt – hier zählt nur die reine Notenleistung im Abitur. Im Regelfall wird man nur mit einem Durchschnitt von 1,0 oder besser über diesen Weg zugelassen. Anschließend findet die Vergabe von weiteren 20 Prozent der Studienplätze nach Wartezeit statt. Im Moment liegt diese bei ungefähr 14 Semestern, also sieben Jahren. Ein anderes Studium wird aber beispielsweise nicht als Wartezeit angerechnet – strenge Regeln.

Die verbleibenden 60 Prozent der Plätze werden nun über ein sogenanntes „hochschuleigenes Auswahlverfahren“ vergeben. Die Universität kann sich also aussuchen, nach welchen Kriterien sie Studienplätze an Bewerber vergibt. Viele Universitäten wollen zusätzliche Arbeit vermeiden und bieten diese Plätze der Einfachheit halber den Studienbewerbern mit Spitzennoten an, die über die Abiturbestenquote keinen Erfolg hatten. So wird es unter anderem in Marburg gehandhabt. Andere Universitäten beziehen weitere Kriterien mit ein und gewichten zum Beispiel die Leistungskurse (LK) oder Kurse mit erhöhtem Anforderungsniveau. Ein Schüler mit Biologie-LK bekommt mehr Punkte zugewiesen als ein Schüler mit Deutsch-LK und erreicht so im Punktesystem des Auswahlverfahrens der Universität einen höheren Punktwert bei gleicher Abiturnote. Auch der  Test für medizinische Studiengänge (TMS) findet bei einigen Universitäten Berücksichtigung. Dabei handelt es sich um einen eintägigen Test zur Überprüfung kognitiv-methodischer Fähigkeiten. Wieder andere bieten persönliche Auswahlgespräche an.

„Nach Greifswald? Die Auswahlgespräche waren wichtig für mich. Da zählt mehr als nur meine Abiturnote.“  Elias Grove, 1. klinisches Jahr

Greifswald vereint gleich mehrere Konzepte. Für die 60 Prozent der Plätze, die die Uni selbst vergeben darf, wurde ein Punktesystem eingeführt. 80 Prozent dieser 60 Prozent werden über Auswahlgespräche vergeben. Die restlichen 20 Prozent der 60 Prozent der hochschuleigen zu vergebenden Plätze werden rein nach Punktzahl vergeben. Diese ist umso höher, je besser das Abitur, je mehr naturwissenschaftliche Leistungskurse und je mehr Berufserfahrung der Bewerber hat.

„Die haben mich gefragt, was für ein Buch ich gerade lese! Da würde mich mal interessieren, warum das wichtig sein soll.“ Florian Koblenzer*, 2. klinisches Jahr

Die Gespräche locken nach Greifswald. Nicht jeder braucht hier ein Eins-komma-Abi. Das Punktesystem, nach dem die Zulassung zu den Gesprächen geregelt wird, gibt vielen eine Chance. „Trotzdem kann nicht jeder Medizin studieren“, erinnert Professor Uwe Lendeckel, Vorsitzender der Auswahlkommission. „Das Abiturergebnis korreliert häufig mit den Ergebnissen im Ersten Staatsexamen. Deswegen haben wir die Bewerbungsgrenze bei einer Abiturnote von 2,5 angelegt.“ Damit ist Greifswald deutlich notentoleranter als die meisten anderen Universitäten. Zu den Auswahlgesprächen werden dreimal so viele Bewerber eingeladen, wie Plätze verfügbar sind.

Darum geht’s bei der Auswahl

Die Auswahlkommission setzt sich aus bunt gemischten Teams zusammen. Chirurgen mit Biochemikern, Anatomen mit Internisten. Sie sollen auswählen, wer für ein Medizinstudium und den Arztberuf geeignet ist. Wie lässt sich eine so schwierige Entscheidung überhaupt treffen – ohne die Subjektivität des Einzelnen? Dafür hat die Universitätsmedizin Kriterien veröffentlicht, die sich jeder Bewerber in Vorbereitung auf das Gespräch ansehen kann. Oder besser ansehen sollte. Dazu zählen soziales und gesellschaftliches Engagement, Kreativität und Originalität, Kommunikationsfähigkeit, Situationsbelastbarkeit, die mittels der Biografie eingeschätzt wird, die Selbstdarstellung sowie die Fähigkeiten des Bewerbers. Das kann zum Beispiel eine vorherige Berufsausbildung sein. Die  Eignung der Bewerber wird dann auf einer Skala einsortiert. Für jede der insgesamt sechs Bewertungskriterien kann der Bewerber bis zu 15 Punkte erhalten, insgesamt also 90. Schließlich tagen die Verantwortlichen und entscheiden, wer studieren darf – und wer nicht. Sollten die Punktwerte einzelner Bewerber gleich sein, entscheidet das Los.

Zulassung vis-a-vis

Gespräche sind immer subjektiv. Jeder Teilnehmer eines Erlebnisses interpretiert das Geschehen anders. Um die Objektivität trotzdem so weit wie möglich zu gewährleisten, gibt es vor den Gesprächen eine Einweisung für die Auswahlkommissionen. Dort werden zu überprüfende Themenfelder abgesprochen.

Die Fragen selbst stellt jeder Gesprächsleiter nach seinem eigenen Gutdünken. Da kann auch schon die eine oder andere provozierende Frage dabei sein, um auszuloten, wie der Bewerber in einer Stresssituation reagiert. Trotz aufwendiger Vorarbeit kann also nie garantiert werden, dass jedes Gespräch in toller Atmosphäre stattfindet. Ist das nicht unfair? „Hierbei handelt es sich genauso um ein Bewerbungsgespräch wie anderswo auch“, erklärt Professor Lendeckel. Was man sich klar machen sollte: Die Fragen werden nicht ohne Grund so gestellt, wie sie gestellt werden. Auch die Frageart kann zur Überprüfung der Bewertungskriterien dienen.

„Mich würde interessieren, ob sich die Gesprächsleiter absprechen. So good-cop, bad-cop mäßig.“ Leyla Gräbener*, 3. Semester

Die Mehrzahl der Greifswalder Medizinstudenten empfand ihr Gespräch als angenehm. Na klar. Die sind ja auch alle genommen worden. Die Resonanz sähe wahrscheinlich anders aus, wenn Abgewiesene gefragt worden wären. Dörte Meiering, Referentin des medizinischen Studiendekanats, vergleicht nach jedem Auswahlverfahren die Daten. „Dabei konnte ich noch nicht feststellen, dass zu späteren Uhrzeiten weniger Punkte an die Bewerber vergeben werden als am Mittag.“ Ganz ausmerzen lassen sich persönliche Einschätzungen aber wahrscheinlich nie.
Trotz ausführlicher Informationen auf der Website bleiben einige Fragen offen. Soziales Engagement lässt sich noch relativ leicht überprüfen. Anders sieht das mit anderen offenbar relevanten Kriterien aus. So interessiert sich Professor Lendeckel dafür, welches Buch die Bewerber momentan lesen. „Sehen Sie sich mal an, wer zum Beispiel in der Fachschaft arbeitet. Kreative Köpfe. Leute, die ihren Horizont unter anderem mit Büchern erweitern.“ Punkt Kreativität und Originalität überprüft!

Warum aber werden überhaupt Gespräche durchgeführt, wenn doch die Abiturnoten Aussage über die potentielle Studienleistung geben? Diese Frage scheint Professor Lendeckel und Frau Meiering nicht zu gefallen. Viele Medizinstudenten beschäftigt sie aber.

Mehrere studentische Hilfskräfte sortieren wochenlang Bewerbungen und verschicken Einladungen zu den Gesprächen. Die meisten Mitarbeiter des Studiendekanats sind in der Zeit der Gespräche damit voll beschäftigt. Ärzte und Professoren nehmen sich eine Woche Zeit. Die Arbeit, die bleibt liegen – im Studiendekanat und in der Klinik. „Dabei spielen die Kosten keine Rolle. Früher war ich in Magdeburg. In Greifswald ist der Kontakt mit den Studenten intensiver. Das kann an den Auswahlgesprächen liegen“, so Professor Lendeckel.
Auch Frau Meiering kennt das: „Die Studenten wissen, dass sie etwas tun mussten, um hier angenommen zu werden. Ich denke, dass sie deswegen mit mehr Engagement und mehr Verbundenheit zu Greifswald studieren.“

„Wir wollen vor allem gute Ärzte ausbilden. Gute Noten stehen nicht immer für gute Ärzte. Eine Kosten-Nutzen-Abwägung nehmen wirnicht vor.“ Professor Uwe Lendeckel, Vorsitzender der
Auswahlkommission

Der schmale Grat der Objektivität

Leicht ist es nicht, einen Studienplatz für Medizin zu bekommen. Greifswald beansprucht für sich ein besonderes Auswahlverfahren. Ziel dabei ist, auch Studenten mit einem Abiturdurchschnitt unter Eins-Komma einen Platz zu verschaffen. Noten lassen nicht immer auf die Befähigung zum Arztberuf und soziales Engagement schließen. Ganz vergessen darf man die Note aber auch nicht, da sie mit den Noten im Studium korreliert. Eine Gratwanderung. Dabei schneiden die Auswahlgesprächler nicht merklich schlechter ab als Studenten, die ihre Zulassung über die Abiturnote bekommen oder lange auf ihren Studienplatz gewartet haben. Das hat die Auswertung von Dörte Meiering ergeben. Leider lassen sich nicht alle Fehler, alle subjektiven Eindrücke ausschließen, sodass im Gespräch nicht immer wirklich fair entschieden wird. Die Beweggründe für die Durchführung der Gespräche klingen auf jeden Fall selbstlos und ehrenwert.

von Jonas Greiten

Foto: Magnus Schult

* Name von der Redaktion geändert