Rezension

Eigentlich wollte Kai Meyer nur ein Buch über Bücher schreiben, und zwar eines, das es noch nicht gab. So entstand die Idee zu „Die Seiten der Welt“, einer Geschichte, die sich zur Fantasy-Trilogie mit wahrem Buchcharakter entwickelte. Bisher erschienen sind Band eins und zwei. Letzteren stellte Kai Meyer, seit Jahren schon einer von Deutschlands bedeutendsten Fantasy-Autoren, am 3. November unter dem Titel „Nachtland“ in der Stadtbibliothek vor, voller Charme und Humor. Als ein Mann sich nach dem hassenswertesten Übeltäter im Werk erkundigt, lächelt Meyer nur wissend. In seinen Geschichten gäbe es ausschließlich graue Charaktere, erklärt er dann, keine guten Guten und keine bösen Bösen. Und er geht sogar noch einen Schritt weiter: „Jeder Schurke ist der Held in seiner eigenen Geschichte.“

Schurken, die eigentlich keine sind – davon ist auch der erste Teil der „Die Seiten der Welt“-Trilogie voll. Manch einen treibt Liebeskummer an, den anderen eine traumatisierende, sogar eine verschollene Vergangenheit. Und manchmal wird auch ein Buch zum Schurken. Nichts ahnend wird der Leser gleich zu Beginn in Situationen geworfen, die er erst im Laufe des Buches verstehen wird – ein bevorzugter Schachzug Meyers, der immer wieder verspricht, Spannung zu halten und den Leser an die Seiten zu fesseln. So kommt es schon nach kurzer Zeit zu einem Angriff, bei dem der kleine Bruder der fünfzehnjährigen Protagonistin Furia entführt wird. Auf der Suche nach ihm begibt sie sich in eine geheime Welt in London, wo Gefahren nie weit entfernt sind. Dort gerät sie an zwielichtige Gestalten, Diebe, Rebellen und Buchcharaktere, die aus ihren Geschichten gefallen sind.  Und sie stolpert dabei vor allem über eins: Bücher. Kämpfende Bücher, sprechende Bücher, leere Bücher, die nur mit zerstörerischer Gewalt gefüllt sind – und ein Tagebuch, das Furia sich zugleich mit einem Jungen teilt, der vor zweihundert Jahren lebte.

„Sich zu mögen heißt, zu entdecken, dass man dieselbe Sprache spricht. Sich zu lieben bedeutet, in derselben Sprache zu dichten.“

Doch nicht nur Furia führt den Leser durch die Handlung. Abwechselnd erzählt Kai Meyer die Geschichten anderer Figuren, wie etwa die eines Straßenmädchen auf den Dächern der Bücherhauptstadt Libropolis oder die Streitigkeiten eines Lesesessels und einer Leselampe, die einen ganz eigenen Kopf haben. Zwischendurch schwenkt er immer wieder zu den Machenschaften der vom Schicksal gezeichneten Schurken, die nicht minder Helden sind als Furia und ihre Freunde. Und wie in Kai Meyers Büchern üblich, gelingt es ihm auch in „Die Seiten der Welt“ Sympathien zu jedem seiner Charaktere im Leser hervorzulocken.

Ab und an ist beim Lesen zu spüren, dass Meyer mit diesem Werk ein weiteres Kinderbuch geschrieben hat, getragen von Kinderbuchfiguren. Der rundbäuchige Bürgermeister, der verschrobene Alte, die liebevolle Köchin. Dann jedoch geht die Geschichte in Bereiche, die ein kleines Kind wohl kaum verstehen könnte. Ohne es tatsächlich auszusprechen, werden Rassismus und Vergewaltigung thematisiert. Viele der Todesfälle, die sich mit fortschreitender Handlung häufen, kommen äußerst brutal daher. So jedoch wird als Leser niemand ausgeschlossen, weder Kind noch Erwachsener. Kai Meyer treibt die Spannung bis zum Schluss immer höher, endend in einem Finale, das mit durch die Luft wirbelnden Autos, Zauberblitzen und Explosionen vielleicht doch ein wenig zu geladen ist mit verwirrenden Fantasyelementen.

„Du hast recht: Was du da planst, ist tatsächlich etwas ganz Großes. Und es wird dich überrollen, ehe du begreifst, was du angerichtet hast.“

Das Lesen von „Die Seiten der Welt“ wird niemals langweilig. Am Ende macht es sogar so sehr Lust auf mehr, dass die Lesung von Band zwei in der Stadtbibliothek ein Muss ist. Schließlich beantwortet Meyer auch die Frage, die die ganze Zeit über im Raum geschwebt hat: Wird der dritte Teil, der bereits nächstes Jahr erscheint, denn nun der letzte sein? „Die Reihe ist abgeschlossen“, erläutert der Autor. Und dennoch wird nach dem letzten Band die Geschichte nicht ganz erzählt sein. Es gibt durchaus Punkte, an die er weitere Geschichtennetze knüpfen kann und das, so deutet er an, vielleicht schon in naher Zukunft.

von Julia Schlichtkrull

Bild: © Fischer Jungendbuch