Rezension

Cecelia Ahern – ja, das ist die Dame, die den weltweiten Bestseller „P.S. Ich liebe Dich“ geschrieben hat, der später aufwändig und herzzerreißend mit Hilary Swank und Gerard Butler verfilmt wurde. Hinzu kamen in den letzten zehn Jahren knapp ein Dutzend weitere Romane und Erzählungen, die sich beinahe ausschließlich um Verlust, Schicksal und die ganz große Liebe drehen – echte Frauenliteratur mit einem Hauch Kitsch, auch wenn die Autorin dies bestreiten würde. Und ja, ein Blick auf den Autorennamen dieser Rezension verrät: Hier rezensiert ein Mann, der ganz nebenbei immer ein wenig abschätzig auf die doch recht umfangreiche Ahern-Romansammlung seiner Freundin blickt. Kann das also überhaupt funktionieren?

Sabrina Boggs, Irin in ihren 30ern und Mutter von drei Jungs, arbeitet in einer Reha-Einrichtung als Bademeisterin und führt ein Leben, das weitestgehend so aufregend ist wie ihr Job – Brote schmieren, Kinder zur Schule bringen, arbeiten, auf das Sofa fallen und schlafen.

Eines Tages bekommt sie allerdings einen Anruf aus dem Pflegeheim, in dem ihr Vater Fergus wohnt, seit er einen Schlaganfall erlitten hat. Es wären Kisten für ihren Vater abgegeben worden, die sie sich doch bitte vorher erst einmal ansehen solle. Darin findet sie neben anderen alten Dingen ihres Vaters eine bestens gepflegte Glasmurmelsammlung inklusive ausführlich geführtem Inventar. Fasziniert von dem Fund und dem laut Inventarliste hohen Wert einiger dieser Murmeln macht sie sich auf die Suche nach zwei der teuersten Murmeln, die in der gut geführten Sammlung zu fehlen scheinen. Hat sie jemand gestohlen und sich bereichert? Bei der Beantwortung dieser Frage ist ihr Vater dabei keine große Hilfe, da er nach dem Schlaganfall mit großen Erinnerungslücken zu kämpfen hat.

„Etwas über Dad zu erfahren erscheint mir inzwischen viel wichtiger, als diese Murmeln zu finden.“

So begibt sich Sabrina auf eine Reise tief in die Vergangenheit ihres Vaters, erkennt, dass dieser von den Murmeln geradezu besessen gewesen sein muss und wohl ein geheimes Doppelleben geführt hat. Unausweichlich stellt sich dabei für sie die immer dringendere Frage, ob sie ihren eigenen Vater überhaupt kennt.

Das bewegte Leben von Fergus, der keineswegs nur Sabrinas Vater und Mann ihrer Mutter war, wird auf eine zweite Erzählebene verlagert, so dass der Leser Sabrina bei der Neuentdeckung ihres Vaters immer einen Schritt voraus ist. Dabei nimmt einen die Autorin mit zurück bis in Fergus‘ Kindheit in Irland, wo er sich in einer Familie mit rauem Stiefvater und sieben Jungs durchsetzen muss – Schläge der Eltern und des Priesters sind dabei an der Tagesordnung. Entfliehen kann er dieser Welt vor allem durch das Murmelspielen, welches er  so schnell beherrscht wie kein anderer. So entwickelt er eine Leidenschaft, ja geradezu eine Sucht für das Spiel, die ihn, je älter er wird und befeuert durch das Unverständnis seines Umfeldes, immer weiter in ein Doppelleben treibt. Dieses ist dabei durchzogen von Verstrickungen und Lügen, die bald sein Leben prägen und unweigerlich zur Eskalation führen.

„Ich erzählte ihr, dass ich gerne Murmeln spiele, und sie lachte, weil sie dachte, ich nähme sie auf den Arm. ,Ach komm, Fergus, mal im Ernst. Was spielst du denn wirklich? Fußball?’ Da passierte es. Ich habe es ihr nicht näher erklärt, aus mehreren Gründen. Erstens schämte ich mich […]“

Sabrinas Suche hingegen spielt ausschließlich in der Gegenwart und umfasst lediglich einen Tag, in dem sie eine Vielzahl von Weggefährten ihres Vaters trifft. Gegen Ende laufen schließlich beide Erzählstränge zusammen und bringen Licht in die Fragen des Lesers.

Fergus‘ Geschichte ist hierbei um einiges spannender und hält einen durchweg bei der Stange – man möchte wissen, wie es ihm ergangen ist und was im nächsten Moment passiert. Dabei entwickelt man große Sympathie und Mitgefühl für ihn, obwohl oder vielleicht gerade weil er nicht einfach der nette, arme Tropf von nebenan ist. Sabrinas Geschichte fühlt sich dagegen leider zu häufig zu flach und oberflächlich an, obwohl sie die Erzählung vorantreibt. Die fehlende Tiefgründigkeit und das teilweise aufflammende Selbstmitleid Sabrinas lassen so bei Weitem keine so große Sympathie für sie aufkommen wie für Fergus.

Letztlich bleibt aber trotz dieser Schwäche ein interessanter, wenn auch über viele Strecken ruhiger Roman für die kalte Jahreszeit, der diesmal Ahern-untypisch nicht die Liebesbeziehung zwischen Mann und Frau in den Mittelpunkt stellt und dem Kitsch weitestgehend entsagt.

Vollständig von ihren vorherigen schriftstellerischen Werken losreißen kann sie sich dabei dann allerdings doch nicht und baut noch ein wenig seichten Herzschmerz in den Roman ein, wenn sie Sabrina gegen Ende noch den einen oder anderen Körperkontakt mit einem jungen aufregenden Künstler erleben lässt.

Für das Buch wäre das aber absolut nicht nötig gewesen – herzerwärmend ist die Geschichte gegen Ende so oder so. Und das sagt ein Rezensent und Mann, der zumindest vorgibt, am liebsten knallharte Polit-Thriller zu lesen.

von Sebastian Bechstedt

Foto: © FischeR Krüger