Nicht erst seit der Verfilmung von Timur Vermes Bestseller „Er ist wieder da“ ist Satire über Adolf Hitler in vielerlei Munde. Doch abseits von Was-wäre-wenn-Szenarien wird auch die Hetzschrift des Diktators als Grundlage für Comedy genutzt.

Seit 1996 reist der türkische Kabarettist Serdar Somuncu bereits durch Deutschland und erntet mit seinen satirisch kommentierenden Lesungen aus Hitlers „Mein Kampf“ sowohl Lob und Anerkennung als auch scharfe Kritik. Somuncu setzt sich in seinen Lesungen mit Hitlers antisemitischen Hasstiraden auseinander und zeigt gekonnt, dass den nationalsozialistischen Ideen wirre und lächerliche Gedankengänge zugrunde liegen. Somuncu weist in seiner Lesung auf grammatische Fehler, Wiederholungen und Widersprüche in „Mein Kampf“ hin. Dabei imitiert er an einigen Stellen spöttisch Hitlers typische Art zu reden, was die ausgewählten Textpassagen noch absurder wirken lässt. Einleitend geht er auch kurz auf die historischen Hintergründe ein und berichtet von der modernen Neonazi-Szene und deren Internetforen.

Somuncu gelingt es, dem Publikum mit seiner hervorragenden schauspielerischen Leistung vor Augen zu führen, dass die Inhalte des Buches, sein Autor und die nationalsozialistische Ideologie unsinnig und idiotisch sind. Die von Hitler zur Untermauerung seiner Ideen angeführten Tierbeispiele stellt Somuncu übertrieben überspitzt dar. In Kombination mit seiner herrlich komischen Vortragsweise lässt er damit das Publikum in schallendes Gelächter ausbrechen. Jedoch bleibt jedes Mal ein bitterer Nachgeschmack. Hitler, der so närrisch und absurd erscheint, diese lächerliche Person, die das geschrieben hat, wurde zum Reichskanzler gewählt. Schnell wird vergessen, dass diese menschenverachtenden Ideen zur Realität gehören. In Serdar Somuncus Lesung fehlt ein ernster Moment, in dem innegehalten und deutlich wird, was damals Fürchterliches geschehen ist.

Die wissenschaftliche Veröffentlichung

Bis vor kurzem war in Deutschland das Herausbringen von Neuausgaben von „Mein Kampf“ untersagt. Der Besitz des Buches, von dem bis 1945 mehr als 12 Millionen Exemplare verkauft worden sind, ist jedoch schon immer erlaubt. 70 Jahre nach dem Tod des Diktators, sind die Urheberrechte für „Mein Kampf“ nun Anfang 2016 ausgelaufen. Dadurch wurde das Werk gemeinfrei und kann theoretisch von jedem Verlag neu aufgelegt und verbreitet werden. So könnte auch eine neue Ausgabe von rechtsorientierten Verlagen publiziert werden. Um zu vermeiden, dass Hitlers Hetzschrift nicht unreflektiert und in falschen Zusammenhängen verbreitet wird, haben Historiker und externe interdisziplinäre Berater aus der Germanistik, Biologie, Japanologie, Judaistik, Kunstgeschichte, Pädagogik und Wirtschaftsgeschichte drei Jahre lang an einer fast 2 000 Seiten starken wissenschaftlichen und kritisch kommentierten Fassung des Buches gearbeitet, das vom Institut für Zeitgeschichte (IfZ) im Januar herausgebracht wurde. Trotz der Kommentare und Anmerkungen der Wissenschaftler, die Fehler und einseitige Darstellungen korrigieren und die Leser aufklären sollen, ist die Neuauflage sehr umstritten. Gegner der Herausgabe der kommentierten Edition des IfZ, zu denen vor allem die Opferverbände gehören, befürchten, das Lesen des Buches könnte das Interesse an der nationalsozialistischen Ideologie wecken.

Doktor Frank Möller, Dozent am Institut für Zeitgeschichte an der Universität Greifswald, spricht in diesem Zusammenhang von einem „Krankheitserreger-Bild“, das von dem Buch ausgeht. Das heißt, dass die nationalsozialistische Ideologie durch das Lesen des Buches heute noch wirken könnte. Das habe jedoch mit der Realität nichts zu tun, denn eine Offenlegung der Informationen und ein aufklärendes Gespräch über die antisemitischen Hasspredigten, die darin stecken, würden viel eher einen reflektierten Umgang mit der Thematik fördern.

Möller hält die Originalausgabe von „Mein Kampf“ für eine wichtige historische Quelle der deutschen Geschichte und findet es wichtig, sich damit zu beschäftigen. Das Verbot von geschichtlichen Quellen sei sehr problematisch: „Um Distanz aufzubauen, muss man sich kritisch damit auseinandersetzen“. Auch Somuncu, der als Kabarettist bekannt dafür ist, immer wieder den Finger in die Wunde zu legen, hält die Diskussionen um „Mein Kampf“ für einen Indikator für den falschen Umgang der Deutschen mit ihrer eigenen Geschichte. Durch eine offene Bereitstellung des Buchs wird es seiner Meinung nach nicht weiter mystifiziert. Gleichzeitig wird es womöglich auch weniger begehrlich für jene, die damit falsche Zwecke verfolgen.

Somuncu wählt bei seinen Lesungen gezielt die Ausschnitte aus dem Buch, die den Widerspruch und das Lächerliche von Hitlers Ideologien besonders deutlich machen. Möller beschreibt diese Art der Auseinandersetzung der heutigen Generation mit dem Thema als selbstgefällig, schließlich würde in gewisser Hinsicht auch über die Menschen der 1930er gelacht. „Es sollte lieber der heutigen Generation ein Spiegel vorgehalten werden.“ Somuncu betont jedoch in Interviews immer wieder, dass er sich nicht über die Opfer, sondern über die Täter lustig mache. Zudem fordert er die Freigabe des Buches, um eine Auseinandersetzung mit der Thematik voranzutreiben. Möller beschreibt die Reaktion der Deutschen auf die Geschehnisse der Vergangenheit mit „Erschrockenheit und Betroffenheit“. Die Tabuisierung des Themas könne jedoch für die Widerstandsfähigkeit der kommenden Generationen auf Rechtsextremismus nicht förderlich sein.

von Selin Cavus

Foto: Michael Palm