Die Peene ist ein Fluss in Vorpommern mit seltener und geschützter Umwelt. Neben einer Vielzahl von Freizeitangeboten bietet sie ihren Besuchern vor allem unberührte Natur. Eben diese geriet nach einem Industrieunfall in Gefahr. Nachgehakt.

Die Peeneregion im Osten Vorpommerns erlangte im September 2015 traurige Berühmtheit, als Bioethanol  aus der Anklamer Zuckerfabrik in die Peene lief und 4,5 Tonnen Fisch verendeten. Nicht nur die Umwelt, auch die Bewohner der Region litten unter dem Vorfall. Wegen der vom Ethanol ausgehenden Explosionsgefahr mussten einige Gebäude evakuiert werden. Bei normalem Trinkalkohol besteht keine Explosionsgefahr. Das Ethanol, was in Anklam aus Zuckerrüben produziert wird, ist hingegen nicht für den menschlichen Verzehr gedacht, sondern liegt hochkonzentriert vor. In dieser Form ist Ethanol ein starkes Zellgift.

Daher ist verständlich, dass der Austritt des Ethanols weder bei Fischen noch bei Menschen auf Begeisterung gestoßen ist. Vor allem, weil bei der Aufklärung des Unfalls viele Dinge hätten besser laufen können. So gab es von der Zuckerfabrik keinen Havarie-Plan für den Fall eines Ethanolaustritts. „18 Stunden nach dem ersten Besuch an der Leckstelle floss immer noch Bioethanol in den Fluss“, berichtet Antje Enke von „Abenteuer Flusslandschaft“, einem Netzwerk, das verschiedene Erlebnis-Angebote rund um die Peene bietet. „Bis zu diesem Tag war uns die Gefahr, die von dieser Industrieansiedlung am Fluss ausgeht, nicht bewusst.“

Freiwillige Helfer präsentieren tote Fische, die sie zuvor aus der verunreinigten Peene entfernt haben.

Freiwillige Helfer präsentieren tote Fische, die sie zuvor aus der verunreinigten Peene entfernt haben.

Aber nach den ersten Meldungen von tonnenweise toten Fischen im „Amazonas des Nordens“ ist die Berichterstattung still geblieben. Bekannt ist weder, was die Ursache für den Austritt von Bioethanol aus der Zuckerfabrik war, noch, wie es jetzt weitergeht. Zunächst einmal haben freiwillige Helfer die toten Fische aus dem Fluss geborgen. Mittlerweile führt die Staatsanwaltschaft Neubrandenburg die Ermittlungen, äußert sich nach Anfragen dazu aber nicht zum derzeitigen Stand der Ermittlungen. Unterdessen hat sich für die Zuckerfabrik scheinbar nichts geändert. Das Leck wurde verschlossen, die Arbeit geht weiter. Das heißt aber noch lange nicht, dass die Sache damit erledigt ist. Sicher, die großen Medien und Politiker haben andere Themen für sich entdeckt, aber bei Anwohnern, Naturfreunden, Anglern, den Tourismusbetrieben und vielen anderen ist die Sache längst nicht vom Tisch. Immer noch ist nicht genau absehbar, welche Auswirkungen die Katastrophe auf die Natur haben wird und ob ein solcher Zwischenfall in Zukunft verhindert werden kann, zum Beispiel durch verstärkte Kontrollen.

Ränkespiel der Industrie

Bei Bündnis 90/Die Grünen ist der Vorfall ebenfalls noch nicht vergessen. Momentan arbeiten die Grünen an der Aufklärung und prüfen die Genehmigungsunterlagen der Zuckerfabrik. Dabei fiel  bisher auf, dass Lärm- und Geruchsbelastung seit Längerem über den Grenzwerten liegen. Des Weiteren gibt es, trotz mehrfacher behördlicher Aufforderung, diese vorzulegen, noch immer keine genehmigten Abwasserpläne. Die Kreistagsabgeordnete Kristin Wegner, die sich mit der Akteneinsicht beschäftigt, meint dazu: „Wir haben das Gefühl, dass die Behörden immer wieder hingehalten werden und zum Teil auch überfordert sind mit dieser großen Anlage. Sie sind schon hinterher, dass die Auflagen erfüllt werden, aber die Zuckerfabrik spielt auf Zeit.“

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass es für die Anlage nach mehrfachen Erweiterungen des Baus keine abschließende und umfassende Überprüfung der Produktion und Emissionen gab. Momentan liegen die Genehmigungen nur für die Erweiterungen einzeln vor. „Einen Überblick darüber würde man bei einer Umweltverträglichkeitsprüfung gewinnen und dabei auch die Öffentlichkeit beteiligen. Das ist das, was wir fordern“, so Wegner.

Bei näherer Betrachtung tauchen mehr Fragen auf, als es Antworten gibt. Vielen erscheint es seltsam, dass solche Mengen Ethanol aus einem nicht verschlossenen Rohr gelaufen sein sollen, wie die Firma angibt. Wie kann es sein, dass das Ethanol durch die Regenwasserentwässerung in die Peene gelangte? Eine Verbindung zwischen Regenwassersystem, das legal in die Peene abgeleitet wird, und dem Produktionsbetrieb des Ethanols sollte es gar nicht geben. Dies liegt im Verantwortungsbereich des Chemiebetriebs. Verdächtig wirken in diesem Zusammenhang auch die nicht eingereichten Abwasserpläne. Die zuständigen Behörden konnten oder wollten auch auf mehrfache Nachfragen keine Auskünfte geben. Antworten wird letztendlich nur die Staatsanwaltschaft liefern. Zu drastischen Veränderungen wird es vermutlich nicht kommen, denn die Zuckerfabrik ist in vielerlei Punkten wichtig für Anklam und Umgebung. So bietet Sie beispielsweise Arbeitsplätze und Steuereinnahmen in einer sonst eher industriearmen Region. Vielleicht wird es aber eine Umweltverträglichkeitsprüfung geben mit Konsequenzen, die eine solche Katastrophe in Zukunft verhindern könnten. Denn fest steht:  So wie bisher kann es nicht weitergehen.

von Nina Ahlers

Fotos: Michael Bonifer