Die Gustel, Mitglieder des Greifswalder Universitäts-Studentischer Autorenverein, treffen nun den moritz. Jetzt könnt ihr die Geschichten auch hier lesen.
Dieses Mal: Fleisch

Gebongt

„So viel hab ich nicht.“
„Ausziehen. Ähm, rausziehen.“
Jemand musste ihre Körperlichkeit verleugnet haben, dereinst, als sie an der Schwelle stand. Blicke, die kecken Mut erdolchten.
„Wird‘s bald, wird‘s bald zu Ende gehen. Noch ist‘s nicht so weit. Auf die Gefahr hin und darauf zu, dass ich mich wiederhole. Runter mit dem Zeug.“
„Halte ein, die Lichter hier, die Kälte, ich meine, spürst du sie…“
„Das ficht mich nicht an, mein Fleisch liegt seit Äonen gesalzen, gefroren dar. Der Fata gibt es viele, das meinige indes werde ich deinetwillen nicht zum Markte tragen.“
Nachgerade plötzlich brach er den Saum seines Hemdsärmels auf, nestelte an der Bruche. Er wollte nicht, das erkannte sie.
„Untersteh dich und lass den Schurz an, du…“
„Schließe deine Lippen, Schweinekopf, auf dass ich sie dir nicht rauben muss!“
Seine spindeldürren, kleinkarierten Ärmchen ragten aus dem Rumpf, schlackerten längst. Es schien, als böge er sich, je weiter sie ihm zu entfleuchen drohte, umso ungerader nach vorn.
„Warum möchtest du von einem Schweinekopf Tribut erbeten?“
Knurren. Stetes Reißen.
„Er lebte bei mir, er gemahnte mich meiner Barmherzigkeit. Doch warum, warum begann er jemals zu singen? Er sollte nicht, nicht ob dieser Verletzung. Ich kann selbst nicht, was ich will, will nicht, was ich vermag, deshalb darbe ich seit jenem Anbeginn, da er zu quinquilieren anhob. Jetzt fordere ich ein kleines Stück zurück, und als Antwort echost du vor, wie bitterkalt es sei.“
Wieder rupfte er, nahm etwas Silber dazu, dann etwas Rot.
„Ich bedauere es und dich, zahlen werd ich trotzdem nicht mit dem Preis, den du zudenkst. Mich friert, innen, außen, mich friert, wenn deine ungestalten Kaskaden aus deinem Kopfe ins Nichts prasseln, mich friert…“
Vorne am Revers. Seine Hand fuhr aus und drückte sie nieder, in den Bauch vor ihm. Er erkannte, wie sehr sie wollte. Darinnen wärmte es schließlich. Verkrümmte Glieder stachen hie und da aus dem Katarakt, kühlende Flüssigkeit strömte in die Schere.
„…deine Herzensgüte, alles zu verlangen, wo es nur genehm ist. Deinen Körper setzt du ein, als Worte fehlen. Wer kann da zu Gerichte gehen als nicht der Kopf?“
Irgendetwas schien ihn zu beschämen.
„Meine generelle Unordnung lässt sich schwerlich geltend machen, oder? Sie betrübt mich, im Grunde ahne ich kaum, wer wieviele Läuterungen nach ausgesetzter Zahlung genießen darf – zumal ich selbst wenig von mir abhängig bin, tagein bediene ich Maschinen, tagaus nicht, landauf ergießt sich die Ware, landab kriecht die Chimäre.“
Er troff nun regelrecht vor Betroffenheit.
„Aber aber. Sei schlicht vor dem Echo, vor deiner Forderung präsent, sei da. Ohne dich zu entkleiden.“
„Mit Abstand scheint mir das das Schwierigste zu sein! Vivisektionen in diesem Modus Vivendi, mich deuchte, es klänge ähnlich, drum tat ich‘s.“
Beide rappelten sich auf. Sofort spürte er es wieder in sich kochen.
„Bitte, gib mir deine Teile, ich möchte es probieren, noch einmal, bitte, ich muss das reinigen, bevor es festfriert, hilf mir, bitte, ich bitte dich, beim nächsten Mal gebe ich mir mehr Mühe, ohne diese Petitessen, hilf!“
„Du hast es noch nicht geblickt, oder? Die offene Fäulnis bist du, wegen dir glimmt die Welt verfrostet, schlag dir die Chimäre aus dem Kopf, vielleicht hast du dafür ein, wie du es bezeichnen würdest, adäquates Werkzeug. Warenwelt, Ware Welt, wahre Welt. Kaum noch enger zu ziehen.“
„Aber es brennt gar lustig.“
Hohes Lachen. Karoregen. Sie stand schon viel zu lange in seiner Schneise.
„Ich gehe. Menschen triffst du. Nichts lernste dazu.“
„Und Blut schwappt hoch im Schuh.“
„Ja, im eigenen. Nur dort. Den deinen gibste Strümpfe an die Hand, merkst nicht, dass sie, jeden Tag ein bisschen ärger, deine Eingeweide entsperren; das schmerzt dich so sehr, du willst Wärme zurück, kriegst…“
„Hörst du dich reden? Exakt der Tonfall.“
„Na und? Ich dringe eh nicht durch.“
„Weil du nicht willst. Ewiglich abscheulich trete ich vor dich, zu Tage, Karo hin oder her.“
„In künstlichem Licht. O, große Kunst.“
Endlich trat sie aus dem Geschäft, ohne bezahlt zu haben. Über die Schwelle, zurück zum Status quo. Noch nicht ganz, zugegeben. Nach all der wärmenden Kälte ein Wunder, exakt so viel Flüssigkeit zu nehmen, wie sie verloren hatte. Milidingsdagenau begleich- und recht winklig zuordenbar. So gefiels. Darauf kommt es an. An der Fleischtheke.

von Konstantin Piecha