Michael Succow, promovierter und inzwischen emeritierter Ökologe, wurde für sein Engagement mit dem Ehrenpreis der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) ausgezeichnet. Im Gespräch über den Wert von Hoffnung und ökologischem Verständnis.

mm121_24-25_Universum_Porträt Succow_PrivatMit dem Erhalt des Ehrenpreises reihen Sie sich hinter internationale Persönlichkeiten wie Loki Schmidt und Michail Gorbatschow. Wie fühlt sich das an?
Es ist sicher eine große Ehrung und Ehrung bringt zum einen viel Verpflichtung. Man wird noch mehr gefragt, ist schnell ausgebucht und die Zeit wird knapper. Zum anderen öffnen sich damit Türen und man kann sich mit Anliegen an die Öffentlichkeit wenden, die dann auch ernster genommen werden. Ich habe in meinem Leben viele Ehrungen erhalten und denke, dass es wichtig ist, Menschen zu ehren. In unserer Medienwelt wird zu viel niedergerissen, oft dominieren negative Ereignisse. Da ist es auch mal gut, dass über Medien Hoffnung gegeben wird. Gerade junge Leute, die positiv ins Leben gehen, brauchen Zuspruch und die Gewissheit, dass sich Engagement trotz allem lohnt. Und das nicht nur im Privaten, sondern vor allem in der Gemeinschaft.

Haben Sie grundsätzlich eher positive oder negative Erfahrungen mit Medien gemacht?
Glücklicherweise kann ich sagen, dass ich generell positive Erfahrungen mit Presse, Funk und Fernsehen habe. Ich treffe nur selten auf Medien, die meine Sichtweisen, gesteuert durch bestimmte Lobbygruppen aus der Agrar- und fossilen Energiebranche, infrage stellen. Sowohl seinerzeit in der DDR als auch im wiedervereinten Deutschland traf ich immer wieder auf Journalisten, die mein Wirken begriffen und entsprechend dargestellt haben. Viele Menschen sind dankbar, dass sich jemand ernsthaft mit Zukunftsfragen und auch mit Alternativen beschäftigt. So empfange ich viel positive Rückkopplung und fühle mich in meiner selbstgewählten Aufgabe bestätigt.

„Eine Welt voller Wunden.“

Welche Bedeutung haben Stiftungen in unserer heutigen Gesellschaft?
Sie sind heute wichtiger denn je, denn wir leben in einer Welt voller Wunden. Das gilt nicht nur für die Umwelt, sondern auch für den Erhalt von Kulturen, Ethnien und Traditionen. In solch einer Welt Hoffnung zu geben, sich zu vernetzen und Alternativen aufzuzeigen ergibt nur Sinn. Genau dort bin ich für den Schutz der Natur mit meiner Stiftung national sowie international tätig. Unser Motto lautet: Erhalten und haushalten. Wir fühlen uns dem Gemeinwohl verpflichtet und nicht der Gier-Befriedigung von privatem Interesse. Stiftungsgedanken gab es schon sehr früh in vielen Zivilisationen, insbesondere darin, etwas für benachteiligte, sozial ausgegrenzte Gruppen zu tun. Die aktuelle Zuspitzung der ökologischen Probleme, die unsere Lebensgrundlage infrage stellen, gibt Umweltstiftungen eine besonders große Bedeutung.

Gibt es in dieser Hinsicht Unterschiede zwischen den alten und neuen Bundesländern?
In der DDR gab es praktisch keine Stiftungen. Das war im „real existierenden Sozialismus“ offenbar nicht als notwendig angesehen worden. Als ich mit der Wende in das vereinte Deutschland kam, erlebte ich eine vielfältige Stiftungskultur – ein Aufleben dieses so wunderbaren, immer wichtiger werdenden Instruments. Ich habe durch sie sehr viel Gutes in meinem Leben erfahren. So war es mir beispielsweise Mitte der 1990er Jahre möglich, vier Stiftungsprofessuren an das Botanische Institut anzuwerben, die für den Aufbau des interdisziplinären Studiengangs Landschaftsökologie und Naturschutz sehr bestimmend waren. Dieses Erleben, durch Stiftungen Gutes zu erfahren, war für mich der entscheidende Anreiz, das Preisgeld des Right Livelihood Award 1997 in Abstimmung mit meiner Familie und meinen engsten Freunden in eine Stiftung, die Michael Succow Stiftung zum Schutz der Natur, zu investieren. Unsere Stiftung ist nun schon 16 Jahre alt und inzwischen auch weltweit sehr erfolgreich. Dass ich kürzlich den Ehrenpreis der DBU erhalten habe, ist auch eine Anerkennung für mein Stiftungswerk.

Woher kommen die Menschen, die für Ihre Stiftung arbeiten?
Wir sind ein Team aus etwa 25 Mitarbeitern, darunter auch einige junge Leute, die hier ein Freiwilliges Ökologisches Jahr oder einen Bundesfreiwilligendienst absolvieren. Zudem haben Studenten aus Deutschland und dem Ausland in der Stiftung die Möglichkeit, sich weiter zu qualifizieren. Es ist mir sehr wichtig, gerade internationale Nachwuchskräfte in die Umweltarbeit miteinzubeziehen, denn häufig kommen sie aus den Ländern, in denen es viele Probleme gibt und den Menschen die Hoffnung geraubt wird. Zurzeit sind zum Beispiel drei Iranerinnen bei uns eingebunden. Sie kommen aus einem Land, welches sich allmählich öffnet und ein hohes Potential an klugen, motivierten Menschen hat. Eine Mitarbeiterin hat ein Stipendium erhalten und studiert an der Universität Landschaftsökologie, eine andere hat ein Promotionsstipendium.

„Ich führe ein voll ausgelastetes Leben.“

Sie wirken durch Ihr kontinuierliches Engagement unermüdlich. Wie empfinden Sie diesen Lebensstil?
Es ist ein begnadetes Leben. Ich erlebe so manche Hochschullehrer, die pensioniert weiter brav ins Institut gehen, wo sie aber oft gar nicht mehr gewollt werden – oder sie bleiben zuhause und hinterfragen von dort aus die Welt. Ich führe ein voll ausgelastetes Leben, eigentlich ein noch intensiveres als früher. Ich bin in allen Teilen der Welt unterwegs, reise zum Beispiel morgen für zwei Wochen nach Äthiopien, halte viele Vorträge und Vorlesungen, bin gefragt in der Politikberatung und betreue die Arbeit mit jungen Menschen.

Succow_Äthopien

Gibt es ein Land, in dem Sie am liebsten tätig waren?
Gleich nach der Wende, als ich noch nicht an der Universität tätig war, sondern dem Aufbau einer Landesanstalt für Großschutzgebiete in Brandenburg vorstand, nutzte ich alle freie Zeit, um in Georgien mit Geldern des World Wide Fund For Nature (WWF) International ein Nationalparkprogramm voranzutreiben. Irgendwann kannte ich das Land ziemlich gut. Georgien war innerhalb der Sowjetunion eines der Länder mit relativ großen Freiheiten und hervorragenden Wissenschaftlern. Es wurde für mich eines der beliebtesten Länder mit einem guten Netzwerk an Kontakten. Am Land selbst haben mich die unterschiedlichen Gesichter der Natur fasziniert: hier das Hochgebirge, dort wiederum Steppen, Moore oder subtropische Niederungen. Inzwischen war ich vermutlich insgesamt mehr als 15 Mal dort, oft gemeinsam mit meiner Frau auf Reisen oder auch mit Exkursionsgruppen.

„Die Sonne wird nie eine Rechnung stellen.“

Wie stehen Sie dem Thema alternativer Energiequellen gegenüber?
Es ist überaus wichtig, nicht von fossilen Brennstoffen wie dem Erdöl abhängig zu werden. Damit zahlen wir viel Geld an Staaten, die soziale, ökonomische und auch ökologische Probleme nur noch weiter anheizen. Auch deshalb ist der Übergang zur Nutzung alternativer Energien so wichtig. Die Sonne, die der Erde unentwegt Energie liefert, wird uns nie eine Rechnung stellen. Daneben gibt es ja noch alternative Energien aus Windkraft und Erdwärme. Wir verbrauchen heute in einem Jahr so viele fossile Energieressourcen, wie in ein bis zwei Millionen Jahren entstanden sind. Der daraus resultierende Klimawandel behindert unsere Zukunftsfähigkeit, es muss also jetzt etwas geschehen. Mein Wirken dient dem Ziel, unsere so wunderbare Biosphäre, die durch die Evolution – oder, wenn man möchte, durch Gott – geschaffen wurde, zu erhalten und das in einem Zusammenleben mit uns Menschen. Das Miteinander ist hierbei entscheidend. Unsere Zivilisation: Wird sie nur eine Episode sein, ein interglazialer Irrtum? Wann werden wir endlich vernünftig und begreifen uns als Teil dieses so wunderbar ökologisch gebauten Hauses Erde? Im Augenblick zerstören wir unsere Umwelt und damit unsere Lebensgrundlage wie Ungeheuer.

Welche Rolle spielt die Politik im Umweltschutz? Hat Deutschland mit seiner Regierung eine Chance auf nachhaltige Entwicklungen?
Die gesamte Entwicklungszusammenarbeit muss verändert werden. Umwelt und Entwicklung sind nicht mehr zu trennen. Dass jetzt Jochen Flasbarth, der ehemalige Präsident des Naturschutzbundes Deutschland (NABU), als Staatssekretär im Bundesumweltministerium mitwirkt, ist ein Meilenstein im Politikgeschäft. Überall in der Welt spüre ich viel Sympathie und Anerkennung für uns. Gegenwärtig ist in Deutschland viel möglich, wir haben persönliche Freiheiten, eine Demokratie sowie starke Umwelt- und Sozialbewegungen. Ich bewundere unsere Kanzlerin Frau Merkel. In einer bislang von Männern dominierten Politikwelt hat sie so viele soziale, menschliche und auch ökologische Belange eingebracht, das ist schon erstaunlich. Wir alle sollten ihr dankbar sein.

Welchen Rat würden Sie Studierenden auf ihren Berufs- und Lebensweg mitgeben?
Eines ist vor allem wichtig: Ihr braucht Wissen! Und zwar ökologisches, weil die Erde nun mal als Ökosystem funktioniert. Jeder sollte wissen, wie dieses aufgebaut ist und was wir ihm zumuten können. Das zweite ist soziale Kompetenz. Wenn man heute erfolgreich sein will, muss man in der Lage sein, im Team arbeiten zu können und nicht als Einzelkämpfer. Besonders bei Aufenthalten im Ausland sind Einfühlungsvermögen und die Fähigkeiten, zuhören und lernen zu können, wichtig, um so andere Völker besser zu verstehen. Abgesehen von diesen Kompetenzen braucht man immer die Einbindung in eine Gemeinschaft, in der man aufgefangen wird und in die man immer wieder zurückgehen kann. Um unter den schwierigen Bedingungen unserer Zeit nicht zu verzweifeln, müssen Menschen in der Gemeinschaft Kraft schöpfen können.

Zuletzt eine persönliche Frage: Welches ist Ihr Lieblingsplatz in Greifswald?
Eigentlich mein ökologischer Garten in Wackerow, wo ich eine Streuobstwiese und einen Gemüsegarten mein Eigen nennen darf. Dort zieht es mich immer wieder hin, wenn ich ein bisschen Zeit habe. Hier wird kein „Krieg“ gegen die Natur geführt. Aber eigentlich habe ich viele Lieblingsplätze – auf der ganzen Erde. Hier möchte ich zum Abschluss Hermann Hesse zitieren, denn er spricht mir aus dem Herzen: „Im Übrigen bin ich nicht ungern der Sklave meines Gartens, wo ich…fast jede freie Minute arbeite. Es macht mich sehr müd‘ und ist etwas zu viel, aber mitten in alldem, was die Menschen heute tun, fühlen, denken und schwatzen, ist es das Klügste und Wohltuendste, was man tun kann.“

von Rachel Calé & Karla Köhler

Fotos: Michael-Succow-Stiftung