Viele Greifswalder wollen sich für Flüchtlinge engagieren. Knapp zehn Studierende und Bürger haben sich vorgenommen, diese Angebote zu koordinieren. Wie gehen sie dabei vor? moritz. hat das Orga-Team bei seinen ersten Schritten begleitet.

Oh, da ist ja Pfeffi! Ohne Pfeffi geht nichts.“ Diesen Satz kennen wahrscheinlich viele. Wer denkt, dass er in einer Kneipe gelandet ist und die Intention dem alkoholischen Getränk gilt, der irrt diesmal. Pfeffi ist die Hauskatze des Jugendzentrums Klex und erwartet auf dem Sofa ihre Besucher und die dazugehörigen Streicheleinheiten. Die Mitglieder des neu gegründeten Hilfsbündnisses „Greifswald hilft Geflüchteten“ treffen sich heute zum ersten Mal hier. Sie haben sich ein hohes Ziel gesetzt: Nach dem Vorbild von „Rostock hilft“ soll ein neues Bündnis geschaffen werden, das alle Hilfsorganisationen für Flüchtlinge in Greifswald bündelt und mit dem studentische sowie nicht-studentische Aktionen einfacher koordiniert werden können.
Bis Ende des vergangenen Jahres wurden über 3 000 Geflüchtete in der Hansestadt sowie im Landkreis Vorpommern-Greifswald aufgenommen. Das entspricht knapp einem Fünftel der für Mecklenburg-Vorpommern nach dem bundesweit geltenden Schlüssel zugeteilten Flüchtlinge.

Rauchende Köpfe und dröhnende Bässe

Einige der Organisatoren engagieren sich zum ersten Mal, andere haben bereits Erfahrung und sind seit Monaten oder Jahren Teil diverser Initiativen, Verbände oder Parteien. „Wir sind ein Zusammenschluss aus Menschen unterschiedlichster Art. So engagieren sich neben Studierenden auch Berufstätige und folglich Menschen aller Alters- und Berufsgruppen“, erklärt das studentische Gründungsmitglied Thomas Balsmeyer*. „Uns eint der Wunsch, allen Geflüchteten in und um Greifswald zu helfen und ihre gegenwärtige Situation zu verbessern.“ Die Helfer sind sich des Aufwands und der dafür erforderlichen Opfer bewusst. Thomas bestätigt: „Es ist nicht verwunderlich, dass die Arbeit in der Initiative von uns ähnlich viel Zeit abverlangt, wie sie beispielsweise für Familie, Freunde oder das Studium nötig ist.“ Als erstes überlegt das Orga-Team, das sich künftig wöchentlich zusammensetzen will, wann und wo die Veranstaltung, an der sich alle Greifswalder Hilfsorganisationen erstmalig zusammensetzen sollen, überhaupt stattfinden kann. Wo darf man wie lange bleiben? Gibt es genug Raum zur Interaktion? Die Wahl fällt auf den Bürgerschaftssaal im Rathaus, allerdings gibt es für diesen noch keine Zusage.

Unterschiedliche Ansätze gibt es auch beim Selbstverständnis des Bündnisses. Wollen sie lediglich in der Vermittlerrolle bleiben oder sich politisch positionieren? Kim Huebler*, die die Moderation des geplanten Abends übernehmen wird, hakt nach: „Ihr müsst vorher wissen, was ihr bezwecken wollt. Geht es hier um spezifische Ansichten zur Flüchtlingspolitik oder wollt ihr den Fokus auf humanitäre Hilfe legen?“ Schnell wird sich darauf geeinigt, diesen Aspekt zwar in die einleitenden Worte aufzunehmen, ein endgültiges Verständnis hingegen erst im Laufe des Abends zu entwickeln. Um die Stimmung aufzulockern, erzählt ein Mitglied nach einer Weile, wie in den Notunterkünften über das große Engagement in Greifswald im Gegensatz zu Wolgast und Anklam geredet wird. „Die Flüchtlinge wissen schon, was sie erwartet, wenn sie nach Anklam müssen und sind dann nicht gerade begeistert.“ Das Orga-Team lässt sich von den dröhnenden Bässen aus dem Jugendclub nicht ablenken, denn ihnen steht noch eine Menge Arbeit bevor.

Zwei Wochen später

Noch werden das Buffet aufgebaut und Pinnwände präpariert, während die ersten Gäste nach und nach im Bürgerschaftssaal des Rathauses eintreffen, für den das Orga-Team tatsächlich die erhoffte Zusage bekommen hat. Was noch vor vierzehn Tagen beratschlagt wurde, wird heute Abend Realität. Nach zehn Minuten sind die meisten der eingeladenen Hilfsorganisationen sowie interessierte Bürger anwesend und Jens Stricker* als Vertreter des Orga-Teams von „Greifswald hilft Geflüchteten“ sowie Moderatorin Kim begrüßen die Gäste. Sie erläutern zunächst die Entstehung ihrer Idee, das Programm für diesen Abend sowie das Ziel der Versammlung. Konkret führen sie das Bündnis als künftigen Ansprechpartner für alle Belange in der Flüchtlingshilfe ein.

Damit die Anwesenden ein Bild voneinander bekommen, hat sich die Gruppe etwas Besonderes ausgedacht: Nach einem Partnerinterview mit dem jeweiligen Tischnachbarn erzählt jeder in kurzen Stichpunkten etwas über das bisherige Engagement des anderen und auf welche Hindernisse er oder sie dabei gestoßen ist. Es wird deutlich, wie vielfältig das Angebot in der Hansestadt bereits aufgestellt ist. Von der Bereitstellung von kostenlosem W-LAN oder Räumlichkeiten für Deutschkurse, dem Anbieten von Hausaufgabenhilfe für Flüchtlingskinder bis hin zu organisierten Transporten der Möbel in neue Wohnungen. Beispielhaft für studentisches Engagement werden unter anderem Initiativen wie „Aktionskreis kritischer Jurist*Innen“ sowie „Medizin und Menschenrechte“ vorgestellt, welche kostenlose Rechtsberatungen beziehungsweise medizinische Versorgung für Geflüchtete organisieren. Kim hat alle Hände voll zu tun, die Pinnwand mit den auf Karteikarten geschriebenen Aktionen auszustatten. Bei allen Äußerungen fällt auf, dass die vielversprechendsten Pläne oft an dem Punkt der Kommunikation zwischen ehren- und hauptamtlichen Helfern scheitern. Ein Beispiel für eine unglücklich verlaufene Planung war die Notunterbringung von mehreren Dutzend Flüchtlingen in der Turnhalle in der Feldstraße im vergangenen Oktober, die an diesem Abend des Öfteren angesprochen wird.

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Der Schlüssel zum Erfolg

Wie lässt sich nun die überschwängliche Motivation der vielen Gruppierungen organisieren, ohne dass das Orga-Team dabei in einem Chaos von unbeantworteten E-Mails und Fehlplanungen versinkt? Neben dem Problem der Kommunikation werden auch der Mangel an Übersetzern, die Einbeziehung der dezentral untergebrachten Geflüchteten in das Hilfsangebot Greifswalds sowie die immer stärkere Überschneidung der Aufgaben ehren- und hauptamtlicher Mitarbeiter angesprochen. Dies sieht das Bündnis als besonders problematisch. „Ehrenamtliches Engagement darf keineswegs zum Ersatz für hauptamtliche Arbeit werden. Vielmehr ist es die dringende Aufgabe, ein besseres Für- und Miteinander zwischen Ehrenamtlichen, Hauptamtlichen und insbesondere den Geflüchteten selbst zu schaffen“, beschreibt Thomas die Vision von „Greifswald hilft Geflüchteten“. Das Orga-Team hat die aufgeführten Probleme bereits im Voraus geahnt, sodass sie vorsorglich um Hilfe von den Rostocker Kollegen gebeten haben. Aus dem Grund ist auch Anja Niehof* da. Als Mitbegründerin spricht sie darüber, wie der Verein „Rostock hilft“ innerhalb von wenigen Tagen entstanden ist, als im September in der Hansestadt Not am Mann war. Hunderte von Flüchtlingen waren auf ihrer Durchreise nach Skandinavien am Rostocker Hauptbahnhof gestrandet. Um die Menschen nicht auf sich alleine gestellt zu lassen, schlossen sich spontan Helfer zusammen, erstellten auf einer Internet-Plattform Schichtpläne und legten damit den Grundstein für die bis heute andauernde Verwaltung aller ehrenamtlichen Aktivitäten. Genau diese Schichtpläne seien der Schlüssel zum Erfolg gewesen, berichtet Anja. Zudem haben die Rostocker gute Erfahrung mit einer festen Liste von verfügbaren Dolmetschern gemacht, um sprachliche Hürden beispielsweise bei Behördengängen zu vermeiden. Im Greifswalder Bürgerschaftssaal stößt diese Idee auf Begeisterung. Die Greifswalder sind davon inspiriert, zu sehen, dass es tatsächlich funktionieren kann. „Der Vorteil dieses Bündnisses ist, dass es keine Verbindlichkeiten oder komplizierte bürokratische Wege gibt. Es findet alles auf einer persönlichen Ebene statt und das erleichtert vieles“, so die Vertreter aus Rostock.

Ein Erfolg bahnt sich an?

Als notwendig sehen sie auch die Errichtung verschiedener Arbeitsgruppen (AGs) an. Diese bilden sich in der nun folgenden Austauschrunde, in der sich konkrete Gruppierungen zu jeweiligen Einsatzgebieten finden, wobei die Euphorie über das gelungene Vorbild in den Vorschlägen mitklingt. „Ich fände es wichtig, eine Pressegruppe einzurichten, um das Engagement der Helfer zu würdigen und auch um den Geflüchteten eine Stimme zu geben“, wirft jemand in die Runde. Auch der Vorschlag, Geflüchtete selber in die Bündnisarbeit zu integrieren, um ihren Bedürfnissen und Wünschen wirklich gerecht zu werden, wird angenommen. Die Chancen für „Greifswald hilft Geflüchteten“ sehen die Kollegen aus Rostock sehr positiv. Sie können sich gut vorstellen, dass auch hier in Greifswald das Konzept der Rostocker erfolgreich umgesetzt werden kann. Auch den Abend betrachten sie als gelungen. „Es waren viele motivierte Leute da und man hat eindeutig das Bedürfnis nach Kommunikation gespürt.“ Die Idee der Arbeitsgruppen stellt genau den richtigen Weg für aktive und kontinuierliche Mitarbeit der Bevölkerung dar. „Je konkreter die Aufgaben sind, desto mehr Leute machen mit. Das Bündnis sorgt nur noch für die große Vernetzung, damit nicht mehr so viel aneinander vorbeiläuft wie bisher“, erklärt Anja.
Es ist fast geschafft. Der Abschluss des Treffens besteht darin, dass sich alle AGs nach der Austauschrunde noch einmal zusammensetzen und sich konkret auf das weitere Vorgehen einigen. E-Mail-Adressen und Telefonnummern werden ausgetauscht, während alle gelöst in der Mitte des großen Saals auf Stühlen und Tischen sitzen. Das Orga-Team gibt noch letzte Ratschläge für eine erfolgreiche Kommunikation mittels sozialer Netzwerke und verabschiedet seine Gäste. Für die kommenden Schritte schlagen sie ein nächstes Gesamttreffen im Januar sowie die Einführung von Stammtischen der einzelnen AGs vor. Diese informellen Runden sollen wöchentlich stattfinden, für jeden zugänglich sein und Raum für anfallende Projekte, Hindernisse und neue Ideen bieten. Ob sich das Bündnis letztendlich als feste Sammelstelle etablieren wird, kann niemand voraussagen. Als sie nach dem Aufräumen noch vor dem Rathaus verweilen, wirken sie erschöpft aber zufrieden. Maren Schult* aus dem Orga-Team bestätigt strahlend: „Ich war ja schon auf acht oder neun Veranstaltungen zur Flüchtlingshilfe. Wenn ihr mich fragt, war das heute Abend mit Abstand die beste. So wird das was!“

*Namen von der Redaktion geändert.

von Max Benning & Rachel Calé

Fotos: Rachel Calé (Bündnis), Luise Fechner (Titelbild)