Die meisten Fachschaftsräte sind vom Hörensagen bekannt. In der Slawistik ist eher der vom FSR betriebene Studentenkeller „Tschaika“ populär. Der Drahtzieher selbst ist hingegen sehr schwer aufzufinden. Auf der Suche nach dem Phantom.

In der Greifswalder Slawistik habe ich mich noch nie so richtig zurechtgefunden. Dabei hat dieses Gebäude durchaus den morbiden Charme eines Kreuzberger Hausbesetzer-Hauses. Die Treppe rauf, die halbe Treppe wieder runter, hier um die Ecke und dann noch einmal da um die Ecke und plötzlich stehe ich vor irgendeiner Tür. Manchmal war es sogar der Raum, in den ich auch wollte.

Bisher war der mysteriöse und chaotische Charme so ziemlich das einzig Interessante an der doch recht gemütlichen Slawistik. Legendär ist die „Tschaika“, der Keller des Fachschaftsrates (FSR) Baltistik/Slawistik. Achja, FSR. Wo ist der eigentlich? „Als ein Mitglied des FSR mal bei einer Arbeitsgruppe zum Thema Bildungsstreik anwesend war, haben sich gleich alle auf sie gestürzt, weil man sonst niemanden von denen erreichen kann“, erzählt mir meine Chefredakteurin von dem FSR, der nur ein Phantom zu sein scheint. Ich werde neugierig.

Also mache ich mich auf die Suche nach dem Verschollenen. Da sich angeblich eines der FSR-Mitglieder in der Ukraine aufhalten soll, mache ich mich auf den Weg in Richtung Osten. Da ich in der Ukraine niemanden finden kann, fahre ich noch ein Stück weiter nach Osten, nach Russland, um jenen FSR zu suchen.

Der russische Auftrag

Zuerst treffe ich mich mit Russlands Präsident Wladimir Putin, er scheint eine vertrauenswürdige Person zu sein. Der Staatschef ist wenig amüsiert darüber, dass eine studentische Vertretung slawischer, speziell russischer Sprache und Kultur einfach so verschwunden sein soll. Und so wird aus meinem redaktionellen Auftrag, den FSR ausfindig zu machen, schnell ein russischer von politischer Brisanz. Ich soll für Putin herausfinden, wer für das Verschwinden des FSR verantwortlich ist.

Es ist wohl besser, der Bitte des russischen Präsidenten nachzukommen, denke ich mir. Auch wenn das – sagen wir mal – unangenehme Konsequenzen für die Verursacher des Verschwindens des FSR nach sich ziehen dürfte. Putin meint bei der Verabschiedung jedenfalls noch zu mir: „Herr Wagner, wenn Sie Hilfe brauchen: Ich schicke Ihnen ein paar meiner Agenten nach Deutschland. Und treffen Sie sich unbedingt auch mit meinem Freund Aljaksandr Lukaschenka. Er wird Ihnen mit Sicherheit helfen.“ So ganz wohl fühle ich mich bei diesem Gedanken nicht. Putin scheint das wohl in meinem Gesicht lesen zu können.

„Sehen Sie, Herr Wagner. Ich werde meinen Freund Lukaschenka gleich mal anrufen und ihm sagen, dass Sie sich mit ihm treffen wollen…“ – „Aber ich weiß doch noch gar nicht…“ – „Bitte unterbrechen Sie mich nicht. Sie haben mich scheinbar nicht richtig verstanden. Sie werden sich mit ihm treffen. Ihnen scheint noch nicht ganz klar zu sein, dass es das höchste Interesse der slawisch-russischen Gemeinschaft ist, dass eben dieser FSR wieder auftaucht. Sehen Sie, es handelt sich hier nicht nur um irgendeine Vertretung. Es geht hier um eine russische Vertretung.“ – „Aber zur slawischen Kultur gehören doch auch Polen, Tschechien…“, unterbreche ich erneut den Präsidenten. Das nimmt er mir übel. „Es handelt sich bei diesem FSR um eine russische Vertretung, wenn ich Sie richtig verstanden habe. Hier haben Sie ein Billett. Mit diesem Billett fahren Sie nach Minsk. Dort werden Sie dann von einem Vertreter des KGB, des weißrussischen Geheimdienstes, empfangen. Er wird Sie an einen sicheren Ort bringen. Dort werden Sie sich dann mit meinem Freund Lukaschenka unterhalten.“ Mir sinkt das Herz in die Hose. Wo bin ich hier bloß reingeraten?

Die unbekannten Agenten

Zwei Tage später sitze ich mit Lukaschenka an einem Tisch. „Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen, dass wir uns ein paar Informationen über Sie, Ihre Familie und Ihren Freundeskreis eingeholt haben.“ Nein. Natürlich habe ich nichts dagegen. Warum sollte ich? Das ist schließlich etwas ganz Normales. „Wir haben dabei festgestellt, dass Sie ein Freund Weißrusslands sind.“ Aha. Woher er diese Annahme hat, ist mir unklar. Dennoch lasse ich ihn weiter reden: „Ich habe meine Agenten über den Vorfall unterrichtet. Sie werden Sie bei Ihrer Arbeit unterstützen. Sie können jetzt gehen!“ Ratlos verlasse ich das Büro des weißrussischen Präsidenten.

Wieder in Greifswald angekommen, suche ich jetzt also mit enorm viel Druck im Nacken nach weiteren Informationen zum FSR. Da ich aus bisherigen Kontaktversuchen mit dem FSR Slawistik/Baltistik bereits weiß, dass auf E-Mails – das ist schon fast Tradition – eher spärliche Rückmeldungen kommen, versuche ich es über Facebook. Und werde fündig. Es gibt im Internet gleich mehrere Facebook-Gruppen und Facebook-Seiten zur Greifswalder Slawistik, hinter denen der FSR stehen könnte und teilweise auch eindeutig steht. So zum Beispiel: „FSR Baltistik und Slawistik Greifswald“. Der letzte Eintrag stammt vom März 2014. Ein weiteres Indiz für das Verschwinden des FSR. Die geschlossene Gruppe „Fachschaftsrat Baltistik und Slawistik Greifswald“ ist hingegen ein Zeichen für die theoretische Existenz des FSR. Der Unterschied: Bei dem einen Eintrag handelt es sich um eine Facebook-Seite, bei dem anderen um eine geschlossene Facebook-Gruppe. Deutlich belebter und zugleich zugänglicher erscheint die Facebook-Seite der „Greifswalder Slawisten“. Inwiefern es sich hierbei um eine Seite des FSR handelt, ist bislang unklar. Dennoch bringt diese Seite ein wenig Licht ins Dunkel der Arbeit des FSR. So hat beispielsweise am 11. Dezember 2015 in der „Tschaika“ die Weihnachtsfeier der Slawisten stattgefunden. Die Spur ist trotzdem kalt.

Ich beginne Freunde auszuhorchen, schließlich will der russische Präsident Ergebnisse sehen.  „Der FSR hat damals das Fachschaftsfrühstück organisiert“, meint Martin. Doch mehr ist auch aus ihm nicht rauszuholen. So langsam gehen mir die Ideen aus.

Als ich zwei Wochen nachdem ich der FSR-Vorsitzenden Natalja Gubaidulina per Facebook geschrieben habe immer noch keine Antwort erhalten habe, beschließe ich, den FSR während seiner Sprechstunde persönlich aufzusuchen – dass ich da nicht früher drauf gekommen bin. Die Homepage des FSR verspricht, dass man seine Mitglieder jeden Mittwoch um 20 Uhr in der „Tschaika“ treffen kann. Doch dort erwartet mich am richtigen Tag zur richtigen Zeit nur eine verschlossene Tür. Ich gehe vorsichtshalber in das Institut, um nach Hinweisen auf eine mögliche FSR-Sitzung zu suchen. Im Sekretariat treffe ich einen Institutsmitarbeiter an. Als ich ihn frage, ob er wüsste, wo ich den FSR finden könne, meint er: „Der FSR hat einen eigenen Aushang, da müsste eigentlich stehen, wann und wo sie sich treffen.“ Und tatsächlich finde ich links neben der Institutsbibliothek eine Pinnwand mit den vermeintlichen Aushängen des FSR. Schließlich wird dort der studentische Institutschor Chyrill beworben. Doch Informationen über mögliche Sitzungen sehe ich nicht. Also gehe ich zum Eingangsbereich des Instituts zurück. Auch hier ist nichts zu finden.

Die geheimnisvolle Spur

Ich komme einfach nicht mehr weiter. Doch innerhalb der Studierendenschaft gibt es Menschen, die eigentlich immer irgendwo irgendwie alles wissen. Milos Rodatos, Fakultätsratsmitglied, ist einer von ihnen. Deshalb vereinbare ich über einen Mittelsmann ein Treffen mit ihm. Im Schein einer Laterne erzählt er mir, dass der FSR gar nicht so verschwunden ist, wie vermutet. Im Zusammenhang mit den geplanten Streichungen an der Philosophischen Fakultät war er sogar sehr engagiert: „Wir haben im Zuge der Debatten über die drohenden Einsparungen innerhalb der Philosophischen Fakultät früh damit angefangen, die FSR einzubinden, und eine gemeinsame Arbeitsgruppe gegründet. Die FSR, die es direkt betroffen hätte, sind dann auch noch mal eigenständig aktiv geworden und haben zusammen mit dem jeweiligen Institut Druck gegenüber der Universitätsleitung gemacht, damit wir es irgendwie schaffen, die Kürzungspläne vom Tisch zu bekommen“, erzählt Milos über die Hintergründe seiner Begegnung mit dem FSR Slawistik/Balitistik. Zudem habe das Veto der studentischen Fakultätsratsmitglieder viel dazu beigetragen, dass für die Kürzungsszenarien eine Lösung gefunden worden ist. „Daran haben aber auch die Institutsmitglieder, die im Hintergrund viele Gespräche geführt haben, einen großen Verdienst“, so Milos abschließend. Zur Kürzungsdebatte standen alle Studiengänge und Stellen des Mittelbaus in der der Baltistik sowie die langfristige Schließung des gesamten Studienbereichs nebst Streichung einer Professur und der Lektorate in der Slawistik. Langsam sehe ich die Sonne am Horizont aufgehen und bekomme eine Ahnung davon, wie der FSR agiert – nämlich inkognito.

Nach diesen Informationen packt mich die Hoffnung und ich wende mich an den Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA). Die Vorsitzende Anna-Lou Beckmann trifft sich mit mir auf einer Parkbank und weiß hinter vorgehaltener Zeitung Einiges über den FSR Slawistik/Baltistik zu berichten. Sie hat endlich eine Erklärung dafür, warum der FSR so schwer erreichbar ist: „Man darf nicht vergessen, dass der FSR aus nur drei Mitgliedern besteht, von denen aktuell aufgrund eines Auslandssemesters nur zwei in Greifswald sind“, erklärt sie die doch recht schwache personelle Besetzung der Studierendenvertretung. „Trotz alldem schaffen sie es immer, bei der Ersti-Woche präsent zu sein und bekommen es hin, nebenher die „Tschaika“ am Leben zu erhalten“, erklärt Anna-Lou.

Im Januar, kurz nach Silvester, erhalte ich schließlich wieder einen Anruf von Präsident Putin. Er bestellt mich erneut in sein Büro. Ich fliege nach Moskau. „Erzählen Sie!“, fordert Putin mich auf. „Es tut mir leid, Herr Präsident, finden konnte ich den FSR nicht.“ Der ohnehin kühle Blick des russischen Präsidenten versteinert. „Allerdings habe ich in Erfahrung bringen können, dass er an der Rettung des Institutes für Slawistik und Baltistik beteiligt gewesen ist.“ Putin horcht auf. „Fahren Sie fort!“ Ich erzähle dem Präsidenten die ganze Geschichte und vor allem, dass der FSR mehr oder weniger im Untergrund zu arbeiten scheint. Dass die Baltistik in Gefahr war, interessiert den Präsidenten herzlich wenig, seine Sorge gilt vor allem der Slawistik. Als ich meinen Bericht abliefere und denke, nun sei meine Zusammenarbeit mit Wladimir Putin beendet, sagt er plötzlich: „Wagner. Sie gehen jetzt nach unten. Dort werden Sie von Michail Fratkow, dem Chef des russischen Auslandsgeheimdienstes (SWR), erwartet. Er wird Ihnen ein Angebot unterbreiten, dass Sie annehmen werden. Gehen Sie jetzt.“

von Marco Wagner

Illustration: Jan Krause