Die Themen Tod und Sterben werden in unserer Gesellschaft gerne ausgeblendet. Auf der Palliativstation des Universitätsklinikums gehört der Umgang mit dem Tod jedoch zum Alltag – und ist entgegen vieler Vorurteile nicht immer gleich die „Endstation“.

Lebensweisheiten in Glückskeksen und auf Postkarten findet man überall. Jede zweite spricht davon, wie kostbar unsere Zeit auf Erden ist und wie wir sie nutzen sollten. Häufig ist man kurz berührt, beschäftigt sich ein wenig damit und vergisst den Ratschlag wieder. Doch für Menschen, deren Lebenszeit auf wenige Wochen oder Monate begrenzt ist, haben solche Sprüche eine ganz andere Bedeutung – sie sind ihre Realität, das, wonach sich ihr Dasein richtet. Jeden Tag wie den letzten leben. Alles ausprobieren und nichts bereuen. Den Tagen Leben geben und nicht umgekehrt.

„Kaffeetrinken und Sterben“

Pastor Rainer Laudan und das Pflegepersonal unterstützen die Patienten während ihres Aufenthaltes.

Pastor Rainer Laudan und das Pflegepersonal unterstützen die Patienten während ihres Aufenthaltes.

Der Gang der Palliativstation des Universitätsklinikums Greifswald mit den Kunstwerken an den orangefarbenen Wänden wirkt einladend und warmherzig. Keinesfalls wie ein Ort, an dem der Tod ein präsentes Thema ist. Die in der Gesellschaft gängige Überzeugung, die Palliativstation sei eine „Endstation“, kennt Pfleger Martin-Paul Kramer von sich selbst. Auch er hat während seiner Zeit in der Notaufnahme geglaubt, Palliativ bedeute nicht mehr als „Kaffeetrinken und Sterben“. Jetzt ist er pflegerischer Leiter der Station und weiß, wie wenig von diesem Klischee stimmt. Dass Palliativpflege viel mehr ist, beweist das vielseitige Team der Station, die seit knapp fünf Jahren existiert und in enger Zusammenarbeit von Ärzten und Pflegekräften gemeinsam geleitet wird. Ergo-, Physio- und Musiktherapeuten, zwei Ärzte, zehn Pflegekräfte, Seelsorger, Sozialarbeiter und Psychotherapeuten   arbeiten hier Hand in Hand. „Es ist wie ein Spinnennetz, in dem alle Aufgaben irgendwie miteinander verwoben sind und jeder in gegenseitiger Abhängigkeit steht“, beschreibt Pfleger Paul die Stationsstruktur. „Das ist auch gut so“, findet er, „denn häufig kommt es vor, dass ein Patient zu einer Therapeutin schneller eine Beziehung aufbaut, weil sie ihn an seine Tochter erinnert, während er sich mir nur schwer öffnet.“ Sympathie und Vertrauen sind wichtige Faktoren für die Betreuung in der Palliativpflege. Denn das höchste Ziel ist es, die Lebensqualität in den letzten Jahren, Monaten oder gar Tagen so hoch wie möglich zu halten. Trotz oder gerade wegen der unheilbaren Erkrankungen sollen Autonomie und Bedürfnisse der Patienten gewahrt bleiben.

Im Gegensatz zur klassischen Medizin zielt die Palliativmedizin nicht auf die Heilung des Patienten ab, sondern bemüht sich um Minderung des Leidens. Sie setzt dann ein, wenn die Erkrankung nicht mehr auf eine kurative Behandlung anspricht, wie zum Beispiel Krebs im Endstadium. Dazu gehört auch, eine vielleicht lebensverlängernde Operation zu unterlassen, wenn sie die Befindlichkeit nicht verbessert oder sogar verschlechtert.

Bei der Erhaltung dieser Lebensqualität wird das Fachpersonal der Palliativstation außerdem von ehrenamtlichen Mitarbeitern unterstützt, von denen einer die Patienten zwei Stunden in der Woche mit Klaviermusik im sogenannten „Wohnzimmer“ unterhält. Die Patientenzimmer sind mit einem Kalender, einer Uhr und einem Gemälde ausgestattet, die bei der täglichen Orientierung helfen sollen, und nebenbei Anregung bieten, selbst kreativ zu werden. Für diesen Bereich ist das Team unter Carina Viebke zuständig, die in der Ergo- und Musiktherapie arbeitet. Ihr Arbeitsbereich ist bunt und auch er zielt auf eine verbesserte Lebensqualität ab. Dabei erinnert er in keinster Weise an eine Station mit schwerstkranken Menschen, vielmehr an ein Bastelzimmer kurz nach einem Kindergeburtstag. Zwar werden auf der Palliativstation keine Kinder behandelt, doch ein geringer Teil der Patienten hat gerade einmal dreißig Lebensjahre hinter sich. „Bei jungen Menschen ist es noch etwas ganz anderes. Sie besitzen viel stärker diesen Kampfeswunsch und gelangen dadurch deutlich langsamer in die Phase der Akzeptanz“, erklärt Pfleger Paul. Generell kann er aus Erfahrung Sterbende in drei Gruppen einteilen. „Diejenigen, die ein eher selbstbezogenes Leben gelebt haben, brauchen auf dem Sterbebett eine haltende Hand. Menschen, die dagegen immer gegeben und geholfen haben, verabschieden sich ohne großen Trubel von der Welt. Häufig passiert es genau dann, wenn die Angehörigen für einen Moment zum Einkaufen oder nach Hause gehen. Zudem gibt es noch eine dritte Gruppe von Menschen, die zuerst ein bestimmtes Ziel erreicht haben müssen, bevor sie sich dem Tod ergeben.“

Abschied am Strand

Doch wie gehen die Mitarbeiter mit den teilweise zutiefst berührenden Schicksalen um? Wenn Kinder mit dem nahenden Verlust eines Elternteils umgehen müssen, ist das auch für die Station eine emotionale Situation. Eine Supervision wäre dann möglich, doch das Team hat sich dagegen entschieden. „Wir sind Menschen, die ihren Beruf gerne machen und nicht auf die Uhr schauen, wenn der Patient mal eine halbe Stunde mehr Fürsorge braucht. Zu uns passt eine Supervision nicht, das ist so strikt und formal.“ Dafür erzählt Pfleger Paul von ihrer eigenen Art, mit der Trauer umzugehen. Für jeden Patienten, der auf der Station verstirbt, wird ein Stein mit dessen Namen versehen und in einer großen Schale gesammelt. In regelmäßigen Abständen fahren die Mitarbeiter gemeinsam mit diesen Steinen an den Strand nach Lubmin oder Ludwigsburg bei Loissin und verabschieden sich dort, jeder auf seine eigene Weise, von den ihnen ans Herz gewachsenen Menschen.

Auf die Frage, ob er seine Lebenseinstellung durch die Arbeit auf der Palliativstation verändert habe, antwortet Pfleger Paul sehr bestimmt. „Man denkt kurzfristiger. Den Satz ‚Wenn ich noch mal jung wäre…‘ höre ich so häufig und habe für mich bestimmt, ihn niemals sagen zu wollen. Man wird auch optimistischer und denkt mehr über das Positive nach als über irgendwelche Banalitäten. Anstatt beispielsweise die Frau an der Kasse nicht weiter zu beachten, grüße ich sie freundlich und wünsche ihr einen schönen Tag.“ Zudem betont er, wie wertvoll er einen Tod in Ruhe und Begleitung der Angehörigen empfindet, denn anders als bei Verkehrsunfällen besteht noch die Chance, sich zu verabschieden. Pfleger Paul verweist auf einen äußerst wichtigen Aspekt, den es besonders im Hinblick auf die anhaltenden finanziellen Schwierigkeiten im Gesundheitswesen zu berücksichtigen gilt. „Im Grunde genommen haben nur wir die Möglichkeit, Pflege auszuüben, wie man sich Pflege vorstellt. In anderen Bereichen muss auf jeden Cent geachtet werden, dabei geht es doch darum, das Bestmögliche für den Patienten zu leisten. Bei uns gibt es diese Freiräume.“ Zwar wird auch auf der Palliativstation jede Maßnahme abgerechnet, jedoch ermöglicht es das Krankenhausmanagement aus Respekt vor den todkranken Patienten, auch mal über „rote Zahlen“ hinwegzusehen, wenn es ihrem Wohlbefinden zu Gute kommt.

Pflege Deluxe

mm121_34-35_Greifswelt_Pflegerin kümmert sich Palliativstation_Universitätsmedizin HGWDie Betten der Palliativstation sind das ganze Jahr über komplett belegt. „Wir behandeln zwischen 360 und 380 Patienten pro Jahr. Ungefähr 45 Prozent davon sterben auf Station“, Pfleger Pauls Blick ist traurig, während er davon erzählt. „Viele denken, dass man eine Diagnose bekommt, bei uns landet und stirbt. Die Realität sieht anders aus. Man kann es sich wie eine gewöhnliche Therapie vorstellen, zu der man hingeht und je nach Erfolg auch wieder nach Hause kann.“ Der Vorteil der palliativen Behandlung im Klinikum liegt für Pfleger Paul auf der Hand. Es ist oft eine Belastung für die Hinterbliebenen, wenn sie ihr Zuhause immer mit Tod und Trauer verbinden.“ Das breit gefächerte Team bietet Angehörigen eine angepasste Betreuung an. „Wünschen sie sich mehr Nähe zu ihren Geliebten, stellen wir ihnen ohne zu Zögern ein Bett ins Patientenzimmer. Das und die speziellen Hightech-Geräte, die unter anderem für Bestrahlungen nötig sind, machen unsere Pflege zu einem Luxus.“ Im Durchschnitt verbleiben die Patienten acht Tage auf der Palliativstation. Wenn sie medikamentös entsprechend eingestellt sind, werden sie in ihr vertrautes Umfeld entlassen, wo sie von ambulanten Pflegediensten und Angehörigen weiterversorgt werden können.

Ein Beispiel für einen auf Palliativbetreuung spezialisierten Pflegedienst ist die Hauskrankenpflege Nordlicht. Pflegedienstleiter Daniel Schack organisiert rund 60 Mitarbeiter, die Palliativpatienten zuhause betreuen. Je nach Betreuungsbedarf fahren Alten-, Kranken- oder Intensivpfleger bis zu viermal täglich zu den Patienten, um sie unter anderem mit Medikamenten zu versorgen oder zu waschen. Die Mitarbeiter von Nordlicht besuchen etwa 20 Patienten in einem Dienst. Dabei müssen sie durchaus auf die zugeteilte Zeit achten und haben nicht viele Möglichkeiten, sich mit den einzelnen Patienten länger als eingeplant zu beschäftigen, obwohl mehr Zeit benötigt wird. „Das ist sehr schade. Die Patienten haben einen enormen Redebedarf und dann müssen unsere Mitarbeiter drängeln. Das fällt ihnen auch nicht leicht“, gibt Daniel Schack zu. „Da haben sie in der Klink viel mehr Zeit“, weiß Schack die Vorteile des Universitätsklinikums zu schätzen, auch wenn der Pflegedienst nicht direkt mit ihm kooperiert. Die ruhige und besonnene Art, wie er über diese Problematik spricht, zeigt, wie sehr sie ihn persönlich beschäftigt. Gäbe es mehr Budget von den Krankenkassen sowie mehr Personal, könnten sie auch im ambulanten Bereich mehr Zeit für einzelne Patienten aufbringen. Obwohl mit den Krankenkassen mitunter jede Position einzeln ausdiskutiert werden muss, empfindet Daniel Schack es als ein Privileg, Palliativpflege auch ambulant anbieten zu können. „Der deutliche Vorteil am Pflegedienst ist, dass der Patient seine letzten Stunden in seinem Zuhause verbringen kann. Das ist eine Atmosphäre, die man nirgendwo nachstellen kann“, sagt er. Eben diese Atmosphäre hilft Patienten und Angehörigen gleichermaßen, Abschied zu nehmen, ohne dabei auf professionelle Unterstützung zu verzichten. Kann man den Umgang mit Sterben und Trauer lernen? „Bedingt“, sagt Daniel Schack einschränkend. „Wenn ein naher Angehöriger verstirbt, wird jede gemachte Erfahrung ausgeblendet und die Trauer überfällt einen wie ein Wasserfall.“

von Constanze Budde & Rachel Calé

Fotos: Rachel Calé (Header), Universitätsmedizin Greifswald