Beim Gang auf die Mensa-Toilette lässt manch einer seiner Kreativität freien Lauf. Das beweisen humorvoll oder ernst gemeinte Sprüche, die mit Edding an die Innenwände gekritzelt und kommentiert wurden. Kommen wir zum Geschäftlichen.

mm121_20-22_Universum_Klospruch Gaukler_Lisa Klauke-Kerstan

„GAUKLER & FEUERSPUCKER AN DIE MACHT!“

Das in Großbuchstaben geschriebene Zitat ist mit einem Ausrufezeichen versehen und hat eine appellative Funktion. Der Verfasser fordert die Machtübernahme der Künstler, denn „Gaukler“ und „Feuerspucker“ bezeichnen Unterhaltungskünstler, die heutzutage auf mittelalterlichen Festen, Jahrmärkten oder im Zirkus auftreten. Im Mittelalter jedoch waren Gaukler Personen, die Zauberkunststücke oder Kunststücke sportlicher Art vor Publikum darstellten. Dies geschah meistens im Freien oder an öffentlichen Plätzen. Sie waren auch als „fahrendes Volk“ bekannt, weshalb die Begriffe „Gaukler“ und „Feuerspucker“ symbolisch für Freiheit und Ungebundenheit stehen könnten. Jedoch widerspricht sich der Wunsch nach Freiheit mit der Forderung des Verfassers nach einer Machtherrschaft. Der Widerspruch kann wiederum auch beabsichtigt worden sein. Auffällig ist außerdem der Gebrauch des &-Zeichens, das ein „und“ ersetzen soll, welches üblicherweise bei Eigennamen und Titeln verwendet wird. So ist es nicht auszuschließen, dass es sich womöglich auch um den Namen einer bestimmten Künstlergruppe handeln könnte. Vielleicht ist aber gerade die Frage nach der Identität der „Gaukler“ und „Feuerspucker“ der eigentliche Kern des Spruchs, der zum Nachdenken anregen soll. Rainer Maria Rilke, Dichter der literarischen Moderne, schrieb 1922 in einer Elegie zu Picassos Gemälde „Die Gaukler“ (Les Saltimbanques): „Wer aber sind sie, sag mir, die Fahrenden, diese ein wenig Flüchtigern noch als wir selbst“.

von Selin Cavus

mm121_20-22_Universum_Klospruch Am Arsch_Lisa Klauke-Kerstan

„Ich bin komplett im Arsch“

Es ist die Selbsterkenntnis, die aus dem Autor dieses literarischen Kleinods, wohl angelehnt an den gleichnamigen Song einer gewissen Lokalmusikergruppe, spricht. Drei Zeilen, drei Punkte. Die symbolträchtige Struktur des Werkes integriert bewusst Pausen in den Lesefluss, um dessen Abschnitte einzeln zu betonen. Die abschließenden Punkte regen zum Nachdenken an und verleihen der Phrase eine melancholische Besonnenheit. „Im Arsch“, das ist quasi die Steigerung von „am Arsch“. Der absolute Nullpunkt ist erreicht. -273,15 °C. „So geht es nicht weiter“ oder „Das war hart“, mag die Einsicht mit einem Hauch von Resignation in dem benommenen Kopfe des Klo-Poeten geklungen haben, kurz bevor sich die Zeilen aus geschwungenen Handbewegungen an die Kabinenwand ergossen. Die Stimmung bewegt sich irgendwo zwischen „Wie bin ich hierhergekommen“, „Das ist nicht mehr feierlich“ und „Irgendwie ist es ja ganz witzig“.

Doch was ist die Botschaft dieser Aussage? Soll sie uns erschüttern? Verwundern? Oder ist es ein stummer Hilfeschrei, der sich von einer anonymen Person an ein teils schwitzendes, teils gähnendes Publikum abseilender Sympathisanten richtet? So wurde es von einem Leidensgenossen aufgefasst: „Halt durch!“, lautet es da. Das geht vorüber. Du schaffst das. Genau das ist womöglich die Reaktion, die sich der Schreiberling erhofft hatte. Denn jeder kennt diese Momente, in denen subjektiv alles vorbei zu sein scheint. Da braucht es jemanden, der einen versteht und klarmacht, dass sich die Erde weiterdreht. Du bist nicht der Erste, dem es so geht. Und ganz sicher auch nicht der Letzte.

von Constantin Claffus

 

mm121_20-22_Universum_Klospruch Blauer Planet_Lisa Klauke-Kerstan

„Wenn alle Menschen der Erde nach deutschem Wohlstand leben würden, bräuchten wir 2,5 Blaue Planeten“

„Das geht ja noch…“

Zunächst springt dem Leser in dem vorliegenden Zitat die korrekte Recht-, Groß- und ja, sogar Kleinschreibung ins Auge. Schlicht toll und in Zeiten von verstümmelter Kommunikation über WhatsApp und Facebook durchaus wert, hervorgehoben zu werden. Auf den zweiten Blick macht einen allerdings die Großschreibung des „Blauen Planeten“ stutzig. Ist das wirklich ein Eigenname? Der Duden protestiert jedenfalls vehement, schließlich handelt es sich hier um ein Adjektiv und das wird im Normalfall kleingeschrieben. Abgesehen von der falschen Rechtschreibung, will uns der Autor offensichtlich gerade hier im Sinne eines Stilmittels etwas sagen. So kann man durchaus darauf schließen, dass die falsche Verwendung hier ganz bewusst geschehen ist. Der Autor erwartet, dass der Leser in Verbindung mit dem Hinweis auf den Bedarf nach „2,5“ eben jener Planeten Bestürzung empfindet und zum Nachdenken oder gar Handeln angeregt wird.

Bei einem Kommentator wurde diese Wirkung offensichtlich nicht erzielt, bringt er doch sein leichtes Amüsement durch den ironischen Ausruf „Das geht ja noch…“ zum Ausdruck. Vielleicht hätte der Autor des ursprünglichen Zitats also lieber mit einer deutlich größeren Zahl arbeiten sollen. Dabei besteht natürlich die Gefahr, die Wahrheit ein wenig zurechtzurücken. Einen echten PR-Profi hätte das allerdings nicht abgehalten – immerhin geht es hier um die Rettung unseres „Blauen Planeten“.

von Sebastian Bechstedt

mm121_20-22_Universum_KlospruchKapitalismus_Lisa Klauke-Kerstan

„Im Kapitalismus steht jeder für seine Interessen ein. Die Kapitalisten tun es. Warum auch nicht WIR?“

„Get up! Stand up!“

Im März 2015 veröffentlichte ein unbekannter Autor ein Statement zur Bedeutung des Egoismus im Kapitalismus. In dem Zitat grenzt er sich selber als Teil einer Gruppe von Menschen („WIR“) von den Kapitalisten ab, die seiner Meinung nach alle egoistisch handeln. Eine genaue Trennung, wen er als Kapitalist bezeichnet und wen nicht, kann er allerdings nicht schlüssig darstellen. Der Autor nimmt weiterhin an, dass die Nicht-Kapitalisten ihre Interessen gegenüber den Kapitalisten nicht genügend vertreten. Er fordert dazu auf, dies zu ändern und empfiehlt allen Kapitalismus-Gegnern eine gute Prise Egoismus. Vermutlich will er auf diese Art Kritik am System Kapitalismus äußern und zum Konsum-Boykott aufrufen.

Zu dem Statement wurde ein Kommentar beigefügt. Es erinnert an den gleichnamigen Song von Bob Marley, in dem der Sänger fordert: „Get up, stand up, stand up for your right.“ Von welchem Recht hier an der Klotür die Rede ist, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit sagen. Vielleicht ist eine Anspielung auf das Werk „Das Recht auf Faulheit“ von Paul Lafargue aus dem Jahre 1880 zu erahnen, welches zur damaligen Zeit eine scharfe Kritik an der vorherrschenden kapitalismusfreundlichen Arbeitshaltung propagierte. Der Kommentar ermutigt also, sich dem herrschenden System des Kapitalismus entgegenzustellen und sich das Recht auf die Durchsetzung eigener Interessen zu nehmen.

von Jonas Greiten

 

mm121_20-22_Universum_Klospruch Was it worth all that war_Lisa Klauke-Kerstan

„WAS IT WORTH
ALL THAT WAR
JUST TO WIN?“

Der von einem unbekannten Autor vermutlich im 21. Jahrhundert verfasste Aphorismus stellt die Frage nach der Sinnhaftigkeit des Krieges. Dabei ordnet er seine Frage in einen bereits kriegskritischen Kontext ein, indem er sie neben einem Antikriegs-Sticker platziert.

Dieser Kontext, wie auch die typografische Gestaltung, dass alle Worte in Großbuchstaben geschrieben wurden, lassen darauf schließen, wie essentiell die Frage für den Autor ist. Durch den Gebrauch des Wortes „JUST“ in der letzten Zeile, bleibt dieses besonders im Gedächtnis des Lesers und unterstreicht damit die offenbar pazifistische Haltung des Autors. „JUST“ im Sinne von „lediglich“ funktioniert hier abwertend und zieht damit jeden Grund für Krieg ins Lächerliche.

Auffällig ist überdies die Anordnung von drei Zeilen mit je drei einsilbigen Wörtern. So entsteht ein rhythmischer Klang, der sich mit sturer Regelmäßigkeit durch den gesamten Aphorismus zieht, und so jede Zeile umso eindringlicher erscheinen lässt. Auch erinnert die Anordnung von dreimal drei Worten an die keltische Mythologie, in der die Zahl neun für das ganze Universum steht. Dies deutet darauf hin, dass der Verfasser nicht nur einzelne Individuen mit seinem Appell ansprechen möchte, sondern die ganze Welt für den Pazifismus begeistern will.

von Constanze Budde

 

mm121_20-22_Universum_Klospruch Arms do kill_Lisa Klauke-Kerstan

„Arms do kill people, but heads do, too.“

Das Zitat besteht aus acht Worten, weshalb es wegen seiner kurzen, prägnanten Nachricht auch als Lebensweisheit betrachtet werden kann. „Arms“ bezeichnet eine Synekdoche „pars pro toto“, was bedeutet, dass dieses Wort nicht nur für Waffen, sondern im weiteren Sinne auch für Menschen steht. Denn es braucht Menschen, um Waffen zu bedienen. Aus dem ersten Teil des Satzes ergibt sich dann: „Menschen töten Menschen“, welches selbst wiederum ein Paradoxon impliziert. Der Ausdruck klingt völlig gegensätzlich, wie können Menschen Menschen töten? Theoretisch erscheint es abwegig, wohingegen es in der Realität eine nackte Tatsache ist. „Heads“ sind folglich die Köpfe der Menschen: Die Intelligenz, Taktiken und Atombomben zu entwickeln. Doch worin besteht der Sinn, seinesgleichen auslöschen zu wollen? Und was soll intelligent daran sein?

Das Komma in der Mitte des Satzes macht uns begreiflich, dass es nicht Waffen oder Menschen sind, die töten, sondern dass das eigentliche Problem in der menschlichen Intelligenz liegt. Vielleicht ist es die Intelligenz und der Gruppenzwang des einen oder die gnadenlose Dummheit der anderen, die einfach die Befehle des Einzelnen befolgen, ohne ihren Kopf zu benutzen. Das Zitat zeigt die Absurdität der Gesellschaft auf und will uns die Augen öffnen, damit wir uns nicht zu einem Instrument machen lassen. Und uns den Leitspruch der Aufklärung näherbringen, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen.

von Cerrin Kresse

Fotos: Lisa Klauke-Kerstan