mm121_3_Editorial Rachel_Rachel CaléZuerst waren wir Charlie. Dann begrüßten wir in großer Zahl die Flüchtlinge und zuletzt waren wir alle vereint. Na, erkannt? Aufgezählt sind drei der bedeutendsten und weitläufigsten Schlagworte des vergangenen Jahres, die in den sozialen Netzwerken ihre Runden drehten. Doch „Je suis Charlie“, „Refugees welcome“ und „Nous sommes unis“ sind nur die glänzenden Spitzen des Hashtag-Gebirges. Heutzutage besitzt das Medium mit dem kleinen, blauen Zeichen das Privileg, größtmögliche Aufmerksamkeit auf eine Sache zu bündeln. Wir fühlen uns mit Menschen auf der ganzen Welt verbunden und können unsere Einstellung präzise zum Ausdruck bringen. Ist es nicht genau das, worin soziale Medien ihren Nutzen haben? Im Verbinden, Vernetzen und Bewegen von Menschen über den ganzen Globus verteilt?

An und für sich bin ich kein großer Freund sozialer Netzwerke. Mein bisheriges Leben lief auch ohne Freundschaftsanfragen und Likes ganz gut. Meine Freunde gehören noch zur Generation, die mit SchülerVZ ihre ersten Social-Media-Schritte tat und auch mir ist bekannt, was die eigentliche Intention Mark Zuckerbergs für sein Netzwerk war. Wie es sich anfühlt, dann gerade nicht Teil des Systems zu sein, werden meine Seelenverwandten sicher nachempfinden können. Natürlich wird man schnell zum Außenseiter, sobald es um Organisation, angefangen bei Lerngruppen, geht. Der Satz „Ich habe gar kein Facebook“ kommt mir bei Kennenlern-Runden nicht wirklich leicht über die Lippen. So manches Mal, speziell auf Reisen, habe ich mir doch heimlich gewünscht, Teil der über eine Milliarde Mitglieder zu sein. Aber wäre mein Leben dann anders als jetzt, in mancher Hinsicht vielleicht sogar einfacher? Ich muss auch sagen, dass dieses Nicht-Dazugehören den Rest der Gesellschaft dichter zusammenschweißt. Schließlich müssen wir uns über die eigentlich unnötigen Rechtfertigungen austauschen.

Wie so häufig liegt der Schlüssel in der korrekten Nutzung, um das Beste aus dem Medium zu ziehen und das Schlechte zu meiden. In dem Sinne spielt auch meiner Meinung nach die dringende Frage nach Medienpädagogik eine Rolle. Wenn die Eltern nicht wissen, was sich hinter ominösen Websites und betrügerischen Apps verbirgt, wie sollen sie ihren Nachwuchs dann davor schützen?
Sollte die Nutzung sozialer Netzwerke allerdings pauschal der Völkerverständigung und Friedenssicherung dienen – ja, dann bin auch ich davon überzeugt. Doch bis dahin ist noch ein langer Hashtag-Weg zu beschreiten. Fangt mal schön an zu posten!

von Rachel Calé

Foto: Privat

 

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