Hinter jedem roten Vorhang findet man strikte Rituale und Regeln: Nicht pfeifen. Nie durch den geschlossenen Vorhang schauen. Nie Schuhe auf einem Tisch stehen lassen. Nie bei der Generalprobe klatschen. Denn es heißt, das bringe Unglück ins Theater.

mm121_38-39_Kulturkiste_Schauspieler in Maske_Constanze Budde

In der Maske wird Alexander Frank Zieglarski in Mortimer verwandelt.

Wer die Welt hinter der Bühne nicht kennt, kann schneller gegen ein Ritual verstoßen, als er denkt. Gut, dass diese Regeln vor dem Besuch der Generalprobe von „Arsen und Spitzenhäubchen“ noch einmal betont wurden. So kurz vor der Premiere darf nichts mehr schiefgehen. Aber die Mitarbeiter des Theater Vorpommerns in Greifswalde sind alle schon lange genug dabei, um Fehler zu umgehen. Zum Glück, denn was sich alles vor und während einer Vorstellung hinter den Kulissen abspielt, ist ein enormer Aufwand. Wer kümmert sich eigentlich um den schön gedeckten Tisch auf der Bühne? Woher wissen die Schauspieler rechtzeitig, wann sie auf die Bühne müssen? Was passiert, wenn die Schauspieler ihren Text vergessen? Und wer ist überhaupt für Veränderungen am Bühnenbild verantwortlich?

„DJ des Theaters“

Vivian Schmidt, Inspizientin des Greifswalder Theaters, läuft zielstrebig durch die labyrinthartigen Gänge und bleibt schließlich an einem der hinteren Bühnenaufgänge stehen. Hier befindet sich das „Inspizientenpult“, ein übergroßer Computer mit einer Vielzahl von Knöpfen und zwei Monitoren. Darüber kommuniziert Vivian Schmidt mit allen, die an einer Vorstellung beteiligt sind. Es gibt Zeichen für den Hauptvorhang, für die Technik und für die Schauspieler. Bei Sichtkontakt können normale Handzeichen gegeben werden, wenn sich die betreffende Person allerdings außer Reichweite aufhält, werden Lichtzeichen verwendet. Dann wird der entsprechende Knopf gedrückt und bei dem Angesprochenen blinkt das Licht auf. Kein Wunder, dass die Inspizientin als „DJ des Theaters“ bezeichnet wird.

Vivian Schmidt wirft einen prüfenden Blick auf das Inspizientenpult und setzt ihren Weg hinter der Bühne fort. Viele Leute laufen ihr über den Weg, die etwas umhertragen, sich gegenseitig Dinge zurufen und letzte organisatorische Fragen klären, denn in Kürze soll die Generalprobe zu „Arsen und Spitzenhäubchen“ beginnen. Ein Großteil dieser Personen gehört zum Technik-Team, das für alles verantwortlich ist, was mit der Veränderung des Bühnenbilds zu tun hat. Einige Techniker stehen auf der sogenannten „Schnürgallerie“, wo sie die Züge betätigen, sobald sie das Lichtzeichen des Inspizienten erhalten haben. Diese sorgen nicht nur für das Auf- und Zugehen der Vorhänge, sondern lassen beispielsweise auch Schnee fallen. Dabei kommt es auch ab und zu vor, dass Einsätze vergessen werden. Laut Schmidt ist aber noch nie etwas Gravierendes passiert. Damit das auch so bleibt, ist die Generalprobe für „Arsen und Spitzenhäubchen“ an diesem Tag besonders wichtig für die Technik, da das Stück zuvor in Stralsund aufgeführt wurde. Hier hat das Theater Vorpommern eine zusätzliche Spielstätte. Jetzt müssen für das Greifswalder Haus der Ton angepasst, die Mikrophone eingerichtet und das Licht eingestellt werden. Obwohl nur diese eine Probe vor der Aufführung stattfindet, entstehen durch die gute Kommunikation untereinander bis auf einige Kleinigkeiten kaum Probleme. Vivian Schmidt ist zuversichtlich, dass alles gut laufen wird.

Es geht weiter an den großen Wänden auf der Bühne vorbei, die ein erstaunlich echt wirkendes Bühnenbild darstellen. Es besteht lediglich aus Holz und Pappe, erscheint aber durch den enormen künstlerischen Aufwand sehr authentisch. Fast ist es so, als befände man sich tatsächlich im Wohnzimmer eines alten, prachtvollen Hauses. Auch Türen, Fenster und Lampen sind eingebaut worden.
Als nächstes trifft sich die Inspizientin mit Sabine Mildner, eine Requisiteurin des Theaters, die für die Feinheiten auf der Bühne verantwortlich ist. „Die Requisite ist, als hätte man einen Haushalt. Man muss essen, trinken, man braucht Tischdecken und Geschirr. Alles, was man im Haus hat, hat man auch auf der Bühne“, erklärt Mildner. Den Beruf Requisiteur gibt es allerdings erst seit ein paar Jahren. „Früher sind Tänzer und Schauspieler, die ihrem Beruf nicht mehr nachgehen konnten, zu Requisiteuren geworden. Man braucht schon gewisse Vorkenntnisse. Heute haben viele vorher Berufe wie Maler, Tischler oder Dekorateur ausgeübt.“

Bei Stücken, die vorher auf einer anderen Bühne aufgeführt wurden, gehört es zu Mildners Aufgaben, sich mit den Requisiteuren des anderen Theaters gut abzusprechen, damit alle Gegenstände, die von den Darstellern benötigt werden oder zum Bühnenbild gehören, am richtigen Platz sind. Für die Kulissen gibt es einen monatlichen Transportplan, damit das Bühnenbild einwandfrei ankommt. Die Requisiteure bekommen eine Liste und Fotos, wonach sie zunächst Proberequisiten anfertigen und den Schauspielern an die Hand geben. Im Laufe der Vorbereitungen werden die Originalrequisiten durch das Stralsunder Team übergeben, eingekauft, kaschiert oder nachgebaut. Manchmal reicht auch ein Gang zum Magazin, dem Lagerraum für kleinere Gegenstände. Normalerweise wird nach Vorgaben des Regisseurs oder Bühnenbildners gearbeitet. Allerdings gibt es auch hin und wieder die Möglichkeit, selbst kreativ zu werden. Aber nicht nur plastische Gegenstände werden von Sabine Mildner besorgt. Während der Vorstellung halten sich die Requisiteure hinter der Bühne auf und haben die Aufgabe, Sachen bereitzulegen, auf der Bühne etwas abzubauen, eventuell zerbrochene Sachen zu reparieren und Vergessenes zu besorgen. Außerdem kümmern sie sich um die Pyrotechnik, Nebel oder Knalleffekte auf der Bühne.

Nicht weit entfernt vom Arbeitszimmer der Requisiteure befindet sich die Maske. Der kleine Raum erinnert an eine Mischung aus Friseur und Kosmetiker, wobei hier alles etwas chaotischer herumliegt. In den Regalen und auf den Tischen liegen Perücken, Pinsel, Schminkpaletten und alles, was man für eine Maske so gebrauchen könnte. Zwei der Schauspieler sitzen an langen Spiegeln im grellen Licht und werden von zwei Maskenbildnerinnen für die nahende Generalprobe zurechtgemacht. Wie die Technik hat bei „Arsen und Spitzenhäubchen“ auch die Maske nur diesen einen Probedurchlauf vor der Aufführung. Deshalb wird sich auch hier an Fotos aus Stralsund orientiert, um zu sehen, wie die Schauspieler während der dortigen Aufführung ausgesehen haben. Nun liegt es in der Hand der Maskenbildner, die Darsteller jünger, älter, gesünder oder kränker aussehen zu lassen. Dafür wird hin und wieder Modelliermasse gebraucht. Außerdem kommt immer viel Schminke zum Einsatz, denn bei der Vorstellung müssen auch die Zuschauer in den letzten Reihen den Ausdruck des Schauspielers erkennen können.

„Anwalt des Theaters“

mm121_38-39_Blick durch Fenster auf Theaterbühne_Constanze BuddeDamit es überhaupt zu Vorstellungen kommt, sind Dramaturgen wichtig. Hannes Hametner, der „Arsen und Spitzenhäubchen“ dramaturgisch begleitet, nennt sich selbst „Anwalt des Theaters.“ Er arbeitet eng mit dem Regisseur zusammen, eignet sich Hintergrundinformationen zu dem Stück an, organisiert den Rahmen einer Inszenierung und kümmert sich auch um das Programmheft. Zwei große Bereiche sind es, für die Hametner als Dramaturg verantwortlich ist. Theaterintern macht er den Regisseur mit dem Haus vertraut, kümmert sich um die Vermittlung, setzt sich mit dem Spielplan und den Texten auseinander und beurteilt sie literaturkritisch. Im Kontakt mit dem Publikum und der Presse vertritt er die Stücke nach außen. Dazu gehört das Anfertigen eines Programmheftes in Zusammenarbeit mit dem Regisseur und die Organisation von diversen Veranstaltungen, die Verbindungen zwischen dem Theater und der Öffentlichkeit herstellen. Franziska Lüdke, die zurzeit als Ballettdramaturgin tätig ist, befindet sich gerade in den Vorbereitungen zu dem Ballett „Casanova“, das im Januar in Greifswald gezeigt wird. „Im Moment lese ich verschiedene Übersetzungen und Memoiren von Casanova und alle möglichen Autobiografien.“ Auch die zeitliche Einordnung und das Suchen von passenden Textstellen für das  Programmheft zählen zu ihren Aufgaben: „Man schaut, was der Autor damit übermitteln wollte, und was der Regisseur mit dem Stück erzählen will“.

Vier Augen sehen mehr als zwei

Doch trotz aller guten Vorbereitung durch Dramaturgen, Requisite, Maske und Technik ist vor der Vorstellung noch viel zu tun. Der Regieassistent unterstützt den Regisseur bei seiner Arbeit, indem er Probepläne erstellt und das Regiebuch führt. Darin werden wichtige Abläufe festgehalten, wie Textstreichungen, Positionen und Auf- und Abgänge der Darsteller. Während der Generalprobe ist er noch einmal besonders gefragt. Per Mikrofon kommuniziert er aus dem Publikumsbereich mit verschiedenen Leuten hinter der Bühne, wenn etwas schief läuft. Ob es eine klemmende Tür oder ein Fehler am Bühnenbild ist, alles muss vor der Vorstellung geklärt und auch jetzt noch ins Regiebuch eingetragen werden. Alle Änderungen am Stück müssen akribisch festgehalten werden.

Mitunter haben die Schauspieler auch während der Generalprobe noch hier und da einige Texthänger. Bei solchen Problemen kommen Souffleure ins Spiel. Diese haben es schwieriger als man vielleicht vorerst annehmen mag, denn sie müssen die Darsteller gut kennen und einige Proben begleitet haben, um rechtzeitig zu merken, wann Schauspieler einen Texthänger haben oder womöglich nur eine gewollte Textpause machen. Außerdem muss der Souffleur immer mit einem Auge das Geschehen auf der Bühne beobachten und mit dem anderen den Text verfolgen und ganz genau wissen, welche Stelle gerade gespielt wird. Normalerweise sitzt der Souffleur seitlich am Bühnenbild, in einer kleinen Nische, die das Publikum nicht sehen kann. Bei „Arsen und Spitzenhäubchen“ sitzt er allerdings ausnahmsweise im Publikum, da das Bühnenbild sonst keinen Platz für ihn bietet.

Nach der Generalprobe werden die letzten Feinarbeiten am Bühnenbild abgeschlossen und jeder müht sich, alles perfekt vorzubereiten. Nicht mehr lange, bis dass sich der Vorhang zur ersten Vorstellung öffnet. „Toi, toi, toi!“ Nein, nicht „Danke“ sagen, das bringt Unglück!

von Selin Cavus und Cerrin Kresse

Fotos: Constanze Budde