Sehen und gesehen werden scheint im Leben häufig die wichtigste Devise zu sein. Am Straßenrand ist es nicht anders. Doch hier kann man sich fragen: Wer sieht eigentlich wen? Und wie? Philosophische Randbemerkungen eines Straßenkünstlers.

Ist das hier eine Weiche oder bin ich schon entgleist?“, frage ich mich wie Spaceman Spiff. Ich stehe mit dem Rücken zur Wand. Ein knapper Meter trennt mich noch von der Fassade des Hauses hinter mir. Unter meinen Füßen kaltes, nasses, dreckiges Kopfsteinpflaster.

Hier am Straßenrand ist es kühler als in der Mitte der Einkaufszone, aber auch freier. Ich habe genug Platz mich zu entfalten, mich zu bewegen, wie ich will. Über mir ist nur der Himmel – und vielleicht noch die Aufseher vom Ordnungsamt, die mich wegschicken könnten. Doch jetzt bin ich erst einmal hier. Dieser Quadratmeter Straße wird für die nächsten fünfundvierzig Minuten mir gehören. Ich werde ihn bespielen, bearbeiten, ausfüllen, und, wenn es sein muss, auch verteidigen. Aber vor allem muss ich ihn respektvoll behandeln. Denn nur wegen ihm kann ich sein, was ich ab jetzt bin: eine Randfigur, ein Außenseiter.

Wenn man einmal diese Position eingenommen hat, gibt es nur eins: Sein, wer man ist, alles, was man ist, nach Außen kehren und die Ehrlichkeit in Person sein. Sollte ich versuchen mich zu verstellen, wird es jeder sofort merken. Der Straßenrand zwingt zur Aufrichtigkeit und kehrt das Innerste nach außen. Auf gewisse Weise stehe ich dort nackt – auch wenn ich mich in Wollpullover, Schal und Mütze gehüllt habe. Doch mein Ich ist alles, was ich hier brauche. Nicht das, was gestern war oder was morgen kommt, weder Arbeit noch Uni spielen am Straßenrand eine Rolle. All das kann ich verstecken, ignorieren. Aber das, was mich ausmacht, was tief in mir wohnt, und was nicht genau benennbar, sondern nur erfahrbar ist, nehme ich mit und zeige es der Welt.

Wenn mir nach Lachen ist, spiele ich fröhliche Lieder und tanze auf meinem Quadratmeter Straße auf und ab. Erfüllt mich Trauer, singe ich wehmütige Töne. Und geht es mir dreckig, kann die Melodie durchaus auch mal danebengehen und der Gitarrenakkord gebrochen werden. Aber auch das ist okay. Denn es ist ehrlich – und deshalb gut, wie es ist.

Diese Narrenfreiheit ist nur am Straßenrand möglich. Deutlich abgegrenzt von allen anderen, kann ich mir hier Dinge erlauben, die mitten in dem geschäftigen Hin und Her nicht möglich sind. Wie der Hofnarr werde ich nicht so ganz ernst genommen, vielleicht auch belächelt. Erst im Nachhinein offenbart sich für den Einen oder Anderen die Wahrheit hinter dem, was ich hier am Rande treibe.

Ich sehe was, das ihr nicht seht

Kaum dass ich Position beziehe, fällt auf, wie unterschiedlich Menschen auf jemanden reagieren, der am Rand steht. Es gibt die, die in die andere Richtung schauen und ihre Schritte beschleunigen. Sie fühlen sich ganz offenbar unwohl, wenn sie mit der Ehrlichkeit der Straße konfrontiert werden. Da geht jemand vorbei, der mich kennt, mich aber am Straßenrand ignoriert. Verrat? Vielleicht. Vielleicht aber auch nachvollziehbar. Es kostet Überwindung, den Schritt aus der Mitte an den Rand zu machen.

Dann gibt es diejenigen, die langsamer werden, innehalten ohne stehenzubleiben, denen aber ein Lächeln über‘s Gesicht huscht und mir wenigstens für einen kurzen Augenblick etwas Ehrlichkeit zurückschenken. Ob sie wollen oder nicht. Aber in ihren Augen erkenne ich, dass sie für einen Moment in ihrer Routine unterbrochen wurden und dafür keinesfalls undankbar sind.

Der Blick vom Straßenrand ist ein anderer. Ich sehe viele Gesichter, wenn ich hier stehe. Nehme viel mehr Menschen wahr, weniger Stereotypen. Im Kontakt mit der Straße können alte Frauen durchaus genauso reagieren wie Business-Typen. Teenie-Mädels, die vor meiner Nase anfangen zu telefonieren, fordern mich heraus, provozieren genauso wie Leute, die mich filmen, ohne mich vorher zu fragen, ob ich auf ihren Smartphones abgespeichert werden will.

Schließlich sind da noch die, die stehenbleiben und zuhören, einen Euro in die aufgestellte Blechbüchse werfen. Manchmal auch zwei. Vielleicht sogar fünf. Oftmals sind es die, die selbst nicht ganz in die Mitte zu passen scheinen. Obdachlose, die sich mit ihrer Bierflasche neben mich setzen und eine Stunde lang zuhören, Menschen mit Down-Syndrom, die tanzen, und Kinder. Kinder, die staunen, die mir ehrfürchtig einen Groschen entgegenstrecken. Ich nehme ihr strahlendes Lächeln entgegen. Und spiele weiter, nur für sie. Die Straße macht uns gleich.

Egal, was die Leute tun, sie reagieren auf mich, ich reagiere auf sie. Wir interagieren und nehmen einander wahr. Vielmehr, als wenn wir in der Straßenmitte aneinander vorbeihasten, um unseren Geschäften nachzugehen. Aber die Straße erdet. Sie zeigt mir, wer ich bin, und was ich kann. Dabei bin ich auf jeden einzelnen Vorbeigänger und Stehenbleiber angewiesen, auch wenn für den Rest Spaceman Spiff recht hat: „Werden muss jeder für sich allein.“

von Constanze Budde

Foto: Lisa Klauke-Kerstan