„Mach mal 24 Stunden gar nichts“, haben sie gesagt. Kein Laptop, kein Internet, kein Smartphone. Außerdem darf ich keinen Besuch empfangen und auch nicht rausgehen. „Dir wird schon was einfallen“, haben sie gesagt. „Das wird sicher lustig.“

Einen Tag lang keinen Kontakt zur Außenwelt – wie aufregend. Ist es. Die ersten fünf Stunden. Zuerst stehe ich auf und frühstücke. Ganz lange. Danach gehe ich duschen. Ganz lange. Dann ist es Zeit, mir endlich mal „Die Känguru-Chroniken“ in Ruhe anzuhören. Nach 63 Minuten ist allerdings die erste CD zu Ende und damit auch meine Lust. Ich schaue auf die Uhr. Erst drei Stunden und 42 Minuten sind vergangen. Was, um Himmels Willen, soll ich bloß die restliche Zeit anfangen? Nach einiger Überlegung entscheide ich, den Frühjahrsputz zu starten. Wird immerhin Zeit, bei dem schönen Wetter an diesem Tag kann der Frühling ja nicht mehr weit sein. Natürlich ist schönes Wetter. Wenn ich den Tag drinnen verbringen muss, ist immer schönes Wetter. Genau wie in der Klausurenphase, wenn die Sonne direkt in die Bib scheint und sich auf einmal die Palisaden schließen. Und gerade, wenn man klausurenfrei ist, fängt es wieder an zu regnen.

Günther Ginseng

Als schließlich meine ganze Wohnung wieder porentief rein ist, und sogar der Spiegel im Bad wieder mein Gesicht spiegelt, statt von Zahnpasta-Sprenkeln übersät den Anschein zu erwecken, als hätte ich Sommersprossen, bin ich echt zufrieden mit meiner Arbeit. Mein Blick schweift durch den Raum und bleibt an einem kleinen Bäumchen hängen, dem ich in letzter Zeit weitaus zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt habe. „Günther Ginseng!“, rufe ich, empört über meine Ignoranz. Schnell gebe ich ihm ein wenig Wasser und bilde mir ein, dass er gleich nicht mehr ganz so geknickt aussieht. Ich stelle Günther neben mich auf den Boden, setze mich dazu und beginne, meine Schubladen zu sortieren. Socken. Eines dieser Paare, die nie lange halten. Auch, wenn es bei mir nur weiße und schwarze Socken gibt, fehlt vielen ihr Gegenstück. Nicht zum ersten Mal frage ich mich, wohin sie wohl entschwunden sind. Nach einer ausgiebigen Diskussion mit Günther kann aber auch er mir keine Antwort darauf geben.

Als auch die Schubladen sortiert und einwandfrei sauber sind, sodass sogar die Shopping Queens von VOX nichts zu bemängeln hätten, lege ich mich einfach auf den Boden und schaue zur Ter- rassentür raus. Menschen fahren mit ihren Fahrrädern vorbei und eine dicke Katze huscht zwischen den parkenden Autos umher. Irgendwie lustig, dass man immer genau das haben will, was man gerade nicht haben kann. Gerade will ich nach draußen, aber wäre es irgendein x-beliebiger Sonntag, würde ich wahrscheinlich nicht einmal auf die Idee kommen, rauszugehen. Und dabei habe ich erst fünf Stunden des Tages um. Ich schüttele den Kopf. So sollte man nicht mit seiner Zeit umgehen, mahne ich mich. Man sollte sie viel eher schätzen und genießen, als sie als vergeudet zu beschreiben. Das sagen schließlich auch all die weisen Postkartensprüche. „Vermisst du eigentlich die Wildnis, Günther?“, frage ich den kleinen Ginseng. Dabei fällt mir ein, dass Günther wohl niemals die Wildnis erlebt hat, da er in einem Gewächshaus das Licht der Welt erblickt hat. Auf einmal werde ich traurig. Ich mache meine Terrassentür auf und stelle Günther ganz dicht an die Hecke, in der Hoffnung, ihm ein kleines Stück Wildnis vermitteln zu können. Prompt bilde ich mir ein, er würde seine Blätter nicht mehr ganz so tief hängen lassen. Einen Moment atme ich die schöne Frühlingsluft, denke kurz daran, dass ich hier vielleicht etwas Verbotenes tue, indem ich einen Fuß nach draußen setze und trete wieder ein. Dennoch fühlt es sich gut an, für einen kurzen Moment aus meinem selbsterwählten Gefängnis auszubrechen.

Einfach mal sein lassen

Später beschließe ich, meine Zeit zu nutzen. Es ist schon lange her, dass ich so richtig in ein Buch vertieft gewesen bin, und auf einmal wünsche ich mir dieses Gefühl zurück. Ich beginne zu lesen, und tatsächlich, die Zeit scheint zu verfliegen, sodass ich erst bemerke, dass ich Hunger habe, als mein Magen quietscht. Ja, er quietscht!

Ich koche mir eine Lasagne und hole Günther später wieder ins Warme. Acht Stunden sind bereits um. Aber eine Mission für diesen Tag habe ich noch. Ein Fotoalbum mit Bildern der letzten Jahre. Wieder stelle ich Günther zu mir auf den Boden und breite Album, Zettel, Stifte und Bilder aus. Nebenbei spiele ich eine CD mit alter Musik ab. Das Fotoalbum vorzubereiten ist wie ein Sprung in eine andere Zeit und ich finde es erstaunlich, woran man sich erinnert, was man vielleicht schon fast vergessen geglaubt hat. Fast hätte ich zu meinem Handy gegriffen, um Freunde und Familie an meinem Vorhaben teilhaben zu lassen, aber nein, heute nicht! Ich lasse es bleiben. So geht es mir leider ziemlich oft an diesem Tag. Zu oft geht der Griff zum Handy, zu oft muss ich mir ins Gedächtnis rufen:

„Lass es einfach sein.“ Und ich denke, vielleicht sollte man häufiger mal etwas sein lassen. Dem fast schon automatisierten Verlangen, sein Handy in der Hand zu halten, muss nicht immer nachgegangen werden. Diese ständige Erreichbarkeit muss nicht immer sein. Und Zeit alleine zu verbringen, ist auch hin und wieder schön.

Aber morgen gehe ich auf jeden Fall wieder raus – auch, wenn’s regnet.

von Cerrin Kresse

Foto: Cerrin Kresse