Rezension

Es braucht nie mehr als eine kleine Gruppe für gesellschaftliche Veränderungen. Diese Gruppe hier scheint zunächst besonders klein: Marc Brost und Heinrich Wefing, ZEIT-Journalisten und Familienväter, liefern ein Protokoll des Nichtgenügens auf dem Weg zum Glück, das durch Komplexität und Ehrlichkeit begeistert. Job, Partnerschaft und Kinder unter einen Hut zu bekommen, ist kaum schwerer als Geschirr stapeln? Stimmt, wenn man mit den gesammelten Küchenutensilien aus fünf Jahren WG-Leben plötzlich vor der Aufgabe stünde, den Kram auf einem einzigen Wandregal unterzubringen. Das geht doch gar nicht, wäre die einzig richtige und logische Reaktion. Trotzdem gibt die Generation der heute 30- bis 50-Jährigen vor, alles im Griff zu haben. Dass das unmöglich ist, wird im Werk zum Beispiel durch Einblicke in politische Maßnahmen zur Vereinbarkeit der drei Zutaten fürs Glücksrezept und ihre himmelschreiende Nutzlosigkeit verdeutlicht. Doch so simpel ist es nicht. Eine Reihe von Interviews mit ganz normalen Vätern, gemischt mit persönlichen Erfahrungen und der Auswertung verschiedener Studien wird zu einem Mosaik, das vor allem eins ist: eine Bestandsaufnahme. Es wird schnell klar, dass die Veränderungswilligen gar nicht so wenige sind. Dass sie die Fäden schon längst nicht mehr alle selbst in der Hand haben – eine Erkenntnis, die unglaublich befreit. Dass sie deswegen die restlichen auch noch abgeben und zu Biobauernhof-Aussteigern werden sollten – weder der wahre Wunsch des Einzelnen noch die Quintessenz des Buches. Es geht vielmehr gerade um die Auflösung des Ganz-oder-gar-nicht-Denkens, die Schließung des Spalts zwischen „Ich will, ich werde“ und „Mir ist das alles zu viel“. Brost und Wefing decken die Lüge auf, die sich Deutschland seit Jahren erzählt: unser Leben ist gut so, wie es ist. Wir haben doch alles. Und wenn Du nicht zufrieden bist, selbst schuld, streng dich eben mehr an. Als Generation Y bleibt zu sagen: Danke. Gebt uns mehr von so mutigen, mutigen Menschen, die aussprechen, was alle denken.

 von Luise Fechner
Foto: Rowohlt