Kaffee trinken im „Grünen“, Blaumachen bei Regen und manchmal Schwarzsehen beim Lernen. Jevan ist ein typischer Greifswalder Student, bis die vorlesungsfreie Zeit beginnt. Denn in seine Heimat kann er nicht zurück. Dort herrscht Krieg.

Es ist derzeit das allgegenwärtige Thema in Politik und Medien: fliehende und geflüchtete Menschen aus Krisengebieten. Eine wichtige Frage ist in diesem Zusammenhang, wie sie in das deutsche Bildungssystem integriert werden können. Viele der Neuankömmlinge haben bereits einige Semester in ihrer weitestgehend zerstörten Heimat studiert oder weisen sogar ein abgeschlossenes Studium vor. Doch aufgrund der aktuell nicht endenden Flüchtlingsströme verliert man schnell den Blick auf jene Menschen, die aus Krisengebieten stammen, aber bereits seit Jahren in Deutsch- land leben. Auch sie mussten Schwierigkeiten überwinden, um sich im Land der Pünktlichkeit und Bürokratie zurechtzufinden. Damit standen sie vor einer großen Herausforderung, dem Einleben in ein fremdes Land mit völlig anderer Kultur und unbekannter Sprache. Dass dies nicht gleich auf Anhieb funktioniert, ist logisch. Es handelt sich um einen Prozess, der sich über Jahre hinweg ziehen kann. Ein Mensch, der diesen Prozess schon durchlaufen hat, ist Jevan Al Hussein. Jevan ist 27 Jahre alt und vor sechs Jahren nach Deutschland gekommen. Damals herrschte in Syrien noch kein Bürgerkrieg.

Bildschirmfoto 2016-03-31 um 11.13.35Im Gegensatz zu den Geflüchteten, die heute Deutschland erreichen, hatte er das Glück, seine Heimat nicht mit der Angst um sein Leben zu verlassen. Jevans Heimatstadt ist Kamishli, wo er bereits ein Jurastudium absolviert hat. „Das Studium hat mir aber nichts gebracht, da es in Syrien kein Rechtssystem gab und es deshalb dort nicht akzeptiert wurde“, erzählt er. Also wechselte der junge Mann zur Chemie. Doch schon bald verfolgte er einen ganz anderen Traum: Jevan wollte Medizin studieren. Da ein Studium in den USA aufgrund der hohen Gebühren jedoch zu teuer war, fiel seine Wahl schließlich auf Deutschland. „Der Semesterbeitrag an deutschen Unis hat mich überrascht. Für gute Bildung ist das ein wirklich kleiner Preis“, findet Jevan. Um die Organisation von Studium, Sprachkurs und Wohnung kümmerte er sich bereits in Syrien, sodass ihm sein Ankommen vor sechs Jahren in Bochum nicht so schwer fiel. Es schien alles geregelt zu sein, bis er gleich nach der Ankunft sein Gepäck verlor. „Ich konnte kein Deutsch, kein gutes Englisch, also waren meine Hände das Einzige, womit ich mich verständigen konnte.“ Diese Art der Kommunikation gelang Jevan scheinbar sehr gut, sodass er seinen Koffer mit einem halben Jahr Verspätung doch noch empfangen konnte. Während er sich für ein Medizinstudium bewarb, überbrückte er die Zeit mit einigen Semestern Chemie an der Universität Bochum. Nebenbei absolvierte er einen Deutschkurs, den die Uni für Studierende anbot. „Wenn man die richtige Motivation hat, ist es leicht, Deutsch zu lernen“, findet Jevan. Das Erlernen der Artikel stellt noch immer eine kleine Hürde für ihn dar, ansonsten hat er keine Probleme. Bereits nach sieben Monaten konnte er sich gut verständigen. „Es reichen ja 600 Wörter, um ein Gespräch zu führen“, lacht er.

„Ich konnte kein Deutsch, kein gutes Englisch, also waren meine Hände das Einzige, womit ich mich verständigen konnte.“

Für ein Medizinstudium in Greifswald, auf das er sich dann beworben hat, wurde Jevan nicht zugelassen. Stattdessen begann er nach seinem Wohnortwechsel in Greifswald Pharmazie zu studieren und ist jetzt im sechsten Semester. Es sei schwer und nur selten gehe er zu Vorlesungen, gibt er zu, vor allem, wenn es regnet. Dafür lernt er häufig bis spät in die Nacht, um den Stoff nachzuholen. Eine Auszeit vom Studieren gönnt sich Jevan beim Keyboardspielen. Wenn er woanders als zuhause lernen möchte, geht er gerne „Ins Grüne“. Der Lärmpegel stört ihn dabei nur wenig.

Eine Vielfalt an Hilfsangeboten

Leider erreichen längst nicht alle Neuankömmlinge in Deutschland wie Jevan das erstrebenswerte Ziel, den hohen Anforderungen der Migration gerecht zu werden und Anschluss an unsere Gesellschaft zu finden. Viele enden in einem Lebensumfeld, das man als Parallelgesellschaft bezeichnet.

Bildschirmfoto 2016-03-31 um 11.13.46 Beidseitige Abschottung und auf dem Boden der Unkenntnis wuchernde Angst und Vorbehalte vor den anderen sind oft die Folge. Aufeinander zugehen und ein freundlicher Austausch werden dann immer unwahrscheinlicher. Um zu verhindern, dass der geschilderte Fall eintritt, gibt es Initiativen, die den Geflüchteten den Einstieg erleichtern sollen. Viele davon sind erst entstanden, als die großen Massen die Flucht aus ihren krisengeplagten Heimatländern antraten und die prekäre Situation allgegenwärtig wahrzunehmen war. Eine der Anlaufstellen ist das Interkulturelle Café. Jeden zweiten Mittwoch kommen Menschen aus den verschiedensten Herkunftsländern im Jugendzentrum Klex zusammen, um sich kennenzulernen und bei Kaffee und Kuchen in Kontakt zu treten. 


Johanna Krone, Referentin für Internatio
nales beim Allgemeinen Studierendenausschuss, erzählt: „Die Hilfsangebote in Greifswald sind meist offen, also für alle angelegt. Davon gibt es schon eine ganze Menge.“ Zu nennen wären da beispielhaft Betten für Geflüchtete, die AG Medizin- und Menschenrechte oder eben das Interkulturelle Café. „Eine Spezialisierung auf Geflüchtete, die hier in Greifswald ihr Studium antreten möchten, gibt es aber bislang nicht. Allerdings hat mich das International Office erst vor kurzem danach gefragt. Es ist geplant, eine Stelle einzurichten, um geflüchteten Studierenden beim Einstieg in das Studium zu helfen.“ Diese Stelle wird von Anne-Cathleen Klein wahrgenommen. „Ich bin hier im International Office zuständig für die Erfassung und Beratung der studieninteressierten Flüchtlinge, die Bearbeitung von Unterlagen, die Administration des studienvorbereitenden Deutschkurses, die Betreuung der Geflüchteten in studienrelevanten Fragen und die sonstigen Aufgaben, die sich in diesem Zusammenhang ergeben.“ Darüber hinaus koordiniert die Universität Greifswald auf ihrer Website Hilfsangebote, wie beispielsweise die Möglichkeit der Gasthörerschaft. Trotzdem gibt es noch viele Hürden, die Geflüchtete überwinden müssen, bevor sie ein Studium in Deutschland beginnen können. Da wäre zum Beispiel das Problem der Anerkennung ausländischer Schulabschlüsse. Nach deutschem Recht wird das syrische Äquivalent zu unserem Abitur nur dann problemlos als Hochschulzugangsberechtigung anerkannt, wenn mindestens 70 Prozent der Maximalpunkte beim Abschluss erreicht wurden. Ist dies nicht der Fall, wird ein Umweg notwendig. Konkret bedeutet das, einen einjährigen Sprachkurs an einem universitären Lektorat für Deutsch und anschließend ein Jahr lang einen Aufbaukurs an einem Studienkollegiat absolvieren zu müssen, die mit einer bestandenen Prüfung abgeschlossen werden müssen. Erst danach erlangt der Betroffene seine Zulassung für deutsche Hochschulen. 

Kontakt nach Hause

Jevan ist es gelungen, in Deutschland Fuß zu fassen und ein Mitglied unserer Gesellschaft zu werden. Seine Motivation zu lernen und nach Höherem zu streben, kommt nicht von ungefähr. Es wurde ihm so beigebracht. Deshalb findet er es schade, dass einige Flüchtlinge nicht regelmäßig zum Sprachkurs gehen und Integrationsangebote nicht wahrnehmen. Häufig fehle die Motivation, weil Deutsch auf Grund seiner Grammatik sehr schwer zu erlernen sei und sich teilweise auch nach Wochen Unterricht noch keine Besserung zeige.

Bildschirmfoto 2016-03-31 um 11.13.58„Ein Mensch muss etwas selber wollen, nur dann kann er etwas erreichen“, meint Jevan. Integrationskurse sieht er kritisch, weil die Anwesenheitspflicht ein Problem darstellen könnte. Besser wäre es, Kurse oder Spieleabende anzubieten, anstatt vorauszusetzen, dass die Geflüchteten an solchen Veranstaltungen teilnehmen. Außerdem befürwortet Jevan getrennte Sprachkurse. „Man sollte Klassen nach Altersgruppen trennen, zum Beispiel 45-Jährige von 18-Jährigen, wobei die Älteren einfacheres Deutsch lernen und die Jüngeren anspruchsvolleres, damit sie in Zukunft ein Studium oder eine Ausbildung machen können. Die Älteren hingegen müssen sich vor allem im Alltag verständigen können.“ Ein Problem für Geflüchtete stellen auch Behördenbriefe dar, da diese häufig Fristen enthalten, die sie aber aufgrund von inhaltlichem Unverständnis nicht einhalten können. Einige bitten Jevan um Hilfe, der sich gerne bereiterklärt, die Post zu übersetzen. Er hat aber kein Verständnis für diejenigen, die überhaupt nicht Deutsch lernen wollen. „Sie kommen hierher und müssen Respekt vor der Kultur, dem Land und der Sprache haben.“

Von Exklusion (a) über Integration (b) hin zur Inklusion (c) – was als Theorie in der Soziologie beginnt, bleibt in der Praxis häufig Wunschdenken. Die Einglie- derung von Minderheiten findet zwar statt, endet aber bei der Integration. Das führt zur Entstehung von Parallelgesellschaften. Zum eigentlichen Ziel der be- dingungslosen Gleichstellung muss jedes Mitglied der Minderheit auch selbst beitragen, findet Jevan.

von Philipp Deichmann & Cerrin Kresse

Fotos: Luise Fechner, Grafiken: Luise Fechner