Beim Versprechen für die Ewigkeit bleibt die Unordnung des Lebens im Hintergrund zurück, eine enge Verbindung zwischen zwei Menschen rückt in den Vordergrund und garantiert Halt und Sicherheit. Sinnbild der Ehe ist und bleibt der Ring.

Jasmin Krüger sitzt an einem der weißen Tische im „Grünen“ und nippt an einem Tee. „Tja, und dann haben wir einfach beschlos- sen, wir wollen heiraten. Ein bisschen romantisch war es schon, den Verlobungsring hat mein Freund selbst an der Werkbank hergestellt.“ Jasmin ist 22 Jahre alt und hat nach einer Ausbildung zur Notarfachangestellten beschlossen, in Greifswald Kommunikationswissenschaften zu studieren. Fest in der Hansestadt zu leben hat für Jasmin nicht lange funktioniert. „Irgendwie bin ich doch immer nach Hause zu meinem Freund gefahren, und jetzt wohnen wir zusammen in Albeck. Dann muss ich eben zur Uni pendeln.“

Jasmin und ihr Freund Norman Döbler, 25 Jahre alt, sind sich seit fast einem Jahr versprochen und wollen im September 2016 heiraten. Seit ihrer Verlobung haben sie jeden Monat gespart und in kleinen Etappen wichtige Elemente für die Hochzeit eingekauft. „Wir haben überlegt, wie wir das günstig halten können. Aber im Vereinshaus feiern, das wollen wir nicht. Ein bisschen mehr darf es schon sein, aber ich stehe zum Glück gar nicht auf Kitsch.“ Norman verdient in der Zuckerfabrik Anklam schon seit einigen Jahren eigenes Geld. Trotzdem versuchen die beiden, die Kosten hälftig untereinander aufzuteilen. Jasmins Gesicht verzieht sich bei dem Gedanken ein bisschen und ihr ist anzusehen, dass ihr die Vorstellung nicht behagt, ihr Verlobter könne mehr bezahlen. Der große Tag liegt ganz in den Händen des Pärchens. Einen Planer zu engagieren, kommt für sie überhaupt nicht in Frage, genauso wenig, wie sich von ihren Eltern Tipps geben zu lassen. Jasmin und Norman lassen nicht zu, dass sich jemand in ihre Pläne einmischt.

„Ehevertrag muss aber sein. Die Entscheidung ist jetzt genau rich-tig, aber keiner weiß, was in 20 Jahren ist. Da machen wir uns keine romantischen Illusionen.“

Die Ehe im Wandel

Wöchentlich finden sich in diversen Zeitschriften Artikel zu diesem Thema. Tatsächlich hat sich viel getan. Das durchschnittliche Hei-ratsalter liegt sowohl bei Männern als auch bei Frauen um fast fünf Jahre später als noch in den 1990er Jahren. Die Zahl der Eheschließungen hat sich seit 1950 halbiert, die Zahl der Scheidungen pro Jahr hat sich nicht so deutlich verändert. Unter dem Strich ist die Scheidung also wahrscheinlicher als zur Mitte des 20. Jahrhunderts.

Mecklenburg-Vorpommern (MV) ist deutlich vor Schleswig- Holstein das Bundesland, in dem am häufigsten geheiratet wird. Von 10 000 Einwohnern heiraten im Schnitt 64,2. Im Vergleich dazu: in Berlin kommen 38,1 Hochzeiten auf 10 000 Einwohner. Offenbar hängt die Eheschließung also auch mit der Herkunft der Menschen und der Mentalität einer Region zusammen. Berlin ist bekannt für seine hippe Kultur und die große Anziehungskraft für junge alternative Leute. MV ist eher traditionell angehaucht und das schlägt sich in der Heiratsquote nieder.

Bildschirmfoto 2016-03-21 um 23.11.01

Eine Hochzeit bedeutet meist viel Aufwand. Was motiviert junge Leute, sich dieser Arbeit zu stellen? Eine Antwort auf die Frage geben Eileen Telaar und Clemens Neumann, Medizinstudenten in Greifswald. „Der Entschluss zur Heirat ist abhängig von der Erziehung. Wir sind beide relativ streng katholisch erzogen worden. Für uns steht ganz klar die kirchliche Heirat im Vordergrund“, erläutert Eileen. Das Standesamt wollen die beiden schnell vor der eigentlichen Zeremonie hinter sich bringen. Eileens Vater wird die Trauung vollziehen. Er ist katholischer Diakon in der Heimatgemeinde des Pärchens aus Baden-Württemberg. Zur Feier kommen vor allem Familienangehörige aus der Heimat. Den 800 Kilometer weiten Weg aus Greifswald und Umgebung werden die meisten nicht schaffen. Trotzdem haben sich Eileen und Clemens für die Heirat im Süden Deutschlands entschieden, da die Kontakte dort stimmen. Clemens grinst: „Den Bäcker kennen wir, den Orgelspieler sowieso und die Location haben wir über Eileens Eltern bekommen. Das macht den ganzen Aufwand wesentlich erträglicher!“

Clemens und Eileen macht es nichts aus, im Studium zwischen ihren Prüfungen zu heiraten. Mehr Zeit hat man im Berufsleben schließlich auch nicht. Das einzig Besondere an einer Studenten-hochzeit scheinen wirklich die Finanzen zu sein: „Blumen für einen Ball? Zehn Euro. Der gleiche Strauß für die Hochzeit kostet 40 Euro“, setzt Eileen die Preise in Relation. „Da wird ordentlich oben aufgeschlagen. Aber man diskutiert nicht, schließlich ist es ja die Hochzeit!“

Was darf und was muss

Als Aufmerksamkeit von den Gästen wünschen sich die beiden lediglich Geld. Auch die Eltern tragen einen Teil der Kosten. Nur damit lässt sich die gehobene Örtlichkeit, die mit ungefähr einhundert Gästen gefüllt werden soll, bezahlen. Anders als Jasmin und Norman nehmen Eileen und Clemens gerne Hilfe und Vorschläge von Verwandten an. „Die haben das ja schon alles durch, da könnte ja gut was dran sein.“ Clemens‘ Eltern gefällt Eileens Kleid nicht, Eileens Eltern Clemens Musik nicht und beide Elternpaare mögen den Tanz nicht. Das Schlimme ist, dass sich niemand traut, direkt seine Meinung zu sagen. „Hör mal, die Musik ist wirklich toll. Schau mal hier, ich habe noch zehn, zwanzig andere Lieder ausgesucht, vielleicht willst du ja die nehmen.“ Clemens verdreht die Augen, als er an das Telefonat denkt. Die Flitterwoche in Amsterdam muss verdient werden.

Eine letzte Frage bleibt. Welche Rechte und Pflichten haben Ehepartner? Clemens und Eileen haben sich im Vorfeld informiert und kennen die wichtigsten:

  1. Fürsorge: Die Ehepartner sind verantwortlich füreinander. Wenn es einem der beiden finanziell schlecht geht, ist zuerst der Partner in der Pflicht, dann erst der Staat. Im Krankheitsfalle, zum Beispiel beim Koma, ist der Partner für alle Entscheidungen verantwortlich, bevor die leiblichen Angehörigen der beiden mitentscheiden dürfen.
  2. Kinder: Wenn Ehepartner Kinder bekommen, muss der Mann keinen Vaterschaftstest machen, seine Vaterschaft wird sofort anerkannt.
  3. Vermögensrecht: Ehepartner zahlen weniger Steuer als unverheiratete Paare mit dem gleichen Einkommen und können sich gemeinsam krankenversichern. Dadurch sparen sie im Regelfall viel Geld, auch als Studenten ohne eigenes Einkommen.

Bildschirmfoto 2016-03-21 um 23.13.10

Hört man „Rechte und Pflichten der Ehe“, geistert meist die sogenannte gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaft durch den Kopf. Stellt sie die gleichen Bedingungen wie eine Ehe? Fast. Vor allem in Sachen Vermögensmanagement ist sie der Ehe komplett angeglichen. Wesentliche Unterschiede gibt es vor allen Dingen im Adoptionsrecht. Lebenspartner dürfen ein Kind nicht gemeinsam adoptieren. Nur einer der Partner ist rechtlich verantwortlich für das Kind.

Gleiche Liebe, gleiches Spiel

Im Gespräch mit Julia. Seit drei Jahren hat sie eine feste Freundin. Bezeichnenderweise ist es Julia lieber, ihren Nachnamen nicht gedruckt zu wissen. Offensichtlich werden gleichgeschlechtliche Be- ziehungen nicht nur auf dem Papier anders behandelt als die traditionelle Ehe. „Im Todesfalle meines Partners würde ein Dritter die Fürsorgepflicht für mein Kind erhalten. Das ist schwer vorstellbar als Mutter eines Kindes“, meint Julia. Noch hat das Pärchen kein Kind adoptiert, darüber geredet haben die beiden aber schon länger. Julia ist nicht einverstanden damit, dass gleichgeschlechtliche Partner vor dem Gesetz die gleichen Pflichten, aber nicht die gleichen Rech- te haben. Dabei haben homosexuelle Paare keine anderen Probleme, Sorgen und Freuden als alle anderen Menschen, berichtet sie aus Erfahrung. Julia und ihre Freundin wollen mit einer möglichen Heirat, oder genauer, einer möglichen Verpartnerung, bis zur vollständigen Gleichstellung warten. „Wenn wir zu einer Samenbank gehen wollen, wird unser Einkommen genauestens geprüft und wir müssen eine Menge intimer Fragen über uns ergehen lassen. Wenn Heterosexuelle Kinder bekommen, müssen sie nichts vorweisen. Das ist gerade deswegen seltsam, weil es bei Homosexuellen nur Wunschkinder geben kann. Unfälle passieren da nicht!“

Bildschirmfoto 2016-03-21 um 23.13.51

Auf der Suche nach Webdefinition für das Wort Ehe antwortet der Duden mit der Wortherkunft: Das althochdeutsche „ewa“ steht für Recht oder Gesetz. Möglicherweise war ursprünglich ein „seit ewigen Zeiten geltendes Recht“ gemeint. Heute ist die Bedeu- tung für Ehe „Verbindung zwischen Mann und Frau“. Wie sehen Jasmin, Norman, Eileen, Clemens und Julia das, ist die Ehe eine Verbindung zwischen Mann und Frau? Seltsamerweise reagieren sie alle ähnlich. Verdutzter Blick, Kratzen am Kopf beim kurzen Nach- denken. Dann folgt der einstimmige Konsens: „Die Ehe drückt nur die Verbundenheit zwischen zwei Menschen aus. Ob Mann oder Frau ist egal.“ Die Körpersprache der Gefragten zeigt, dass ihnen die Duden-Definition nicht ganz stimmig erscheint. Oder nicht ganz zeitgemäß. Vielleicht sind aber auch nur moderne Studenten gefragt worden. Was bleibt, ist das Gefühl, dass die Ehe für junge Menschen am Anfang ihres Berufs- und Beziehungslebens nach wie vor einen gewissen Stellenwert hat. Und ob man Student ist oder nicht, homosexuell oder nicht, spielt bei der ewigen Bindung zweier Menschen aneinander offenbar keine Rolle.

von Jonas Greiten

Illustration: Freepik