Fernschmerz

Während des Studiums, so sagt man sich, erleben Studierendenausweisbesitzende die schönste Zeit ihres Lebens. Man ist frei in Entscheidungen und frei von Rechtfertigungen. Irgendwann findet ein jeder gelöst vom elterlichen Heim heraus, dass sich Abwasch, welcher länger als eine Woche steht, mit kochendem Wasser hervorragend reinigen lässt. Auch sonst ist man sehr eigenständig. Ein guter Moment, die Welt zu bereisen und der Ferne, dem Abenteuer und Ungewissen entgegen zu streben. Leider ist, ganz im Gegensatz zu den Klamotten, der Geldbeutel nur selten so ausgebeult, dass er sich neben dem täglich zu Besorgenden für weitere, vor allem langfristig geplante, Aufenthalte im Ausland eignet. Das rührt oft von der Abwesenheit der Eltern und deren eigener Patte her.

Man kann sich den verdienten Urlaub einfach nicht leisten, wenn man der Abstinenz und des Sparens nicht mächtig ist. Darum und aus Gründen der Gruppendynamik fügen sich viele in Greifswald befindliche Präakademiker immer öfter den Verlockungen des lokalen versandeten Meeresufers, um der auch hier scheinenden Sonne zu frönen. Ich schließe mich da nicht aus. Nun ist es so, dass in Mecklenburg-Vorpommern aus eben diesen Gründen knapp neunundzwanzig Millionen Übernachtungen allein im vergangenen Jahr registriert wurden. Es ist also in keiner Weise möglich, alleine an den Gestaden der Ostsee zu weilen. Hier beginnen die Probleme. Ständig muss man sich auch den kürzesten Urlaub verdunkeln lassen. Und das von mutwilligen Menschen, zumeist Frauen, die sich mit unbedachter Absicht in zu eng produzierte optische Viskose-Elastan-Gemischvergewaltigungen pressen.

Ich, der ich nun wahrlich nicht zu den von Adonis geküssten Männern gehöre, habe dafür eine gehörige Portion Toleranz in die Wiege gelegt bekommen. Ich weiß mich auch in der Öffentlichkeit zu benehmen und muss sagen, dass dieser Spaß bei der Kombination aus Strand, luftiger Bademode und einem Body-Mass-Index ab 35+ ein unrühmliches Ende findet. Als gebürtige Vorpommeranze, die ihre Sommer oft an den schönsten Stränden der Republik zu fristen hatte, weiß ich, dass stattfindender Strukturwandel nicht zuletzt am besten an nackten Oberschenkeln sichtbar wird. Natürlich will hier niemand das bloße Vorhandensein der teuer gehamsterten Reserven für die kalten Monate in Verruf stellen, die lüsterne Zurschaustellung des nur verschwitzt Tragbaren ist die Krux. Nur die Männlichkeit vermag dies zu toppen – mit kurzen Hosen, also richtig kurzen Hosen. Und Sandaletten. Sowie weißen Socken. Gerade Vertreter der Generation, die noch zu Fuß in Russland war, fallen negativ durch ein Auftragen des Genannten, immer in Kombination, auf. Oft ist die Komposition ergänzt durch die Gürteltasche und eine im Sitzen stattfindende Präsentation der ehemaligen Insignien der eigenen Virilität. Die Präsentation imponiert gleich der Aussackung am Hals des Truthahnes und tritt fast immer in der Nähe von Pommesbuden auf. Es ist nicht schön, vor der eigenen Haustür Urlaub zu machen, gerade wenn man da wohnt, wo andere Urlaub machen.

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Warum eigene Worte finden, wenn es doch schon jemand wie Jean Baptiste Molière gesagt hat: „Der Grammatik müssen sich selbst Könige beugen, aber kein Internetnutzer mehr.“

von Philipp Schulz

Foto: privat