Wo ist mein Platz in der Welt? Was ist meine Aufgabe? Und hat das alles einen Sinn? Fragen, die vor allem junge Menschen beschäftigen. Wer weiß, wofür er lebt, gilt erwiesenermaßen als glücklicher. Von der Fähigkeit, auszusortieren.

Der Tag beginnt gemütlich gegen 10 Uhr. Alexander Lenz, Jura-Student im dritten Semester und Referent für Finanzen im Allgemeinen Studierendenausschuss, betritt das Büro. Er lächelt, braucht noch einen Moment, um anzukommen. Er begrüßt mich und entschuldigt sich für die Verspätung. Danach widmet er sich der Kaffeemaschine. „Irgendwo finde ich hier bestimmt noch Kaffee.“ Er kramt in einem kleinen Schrank herum, auf dem die Maschine steht. Schließlich zeigt er mir die Postfächer. Hier fängt sein Arbeitstag an, wenn alles nach Plan läuft. Alex ist jede Woche mindestens an zwei Tagen im Büro, in der Regel auch öfter. Nur donnerstagnachmittags nicht, denn da hat er Kinderdienst. Optisch geht er jedenfalls als junger Papa durch: sportlich, blond, Brille mit breitem Rand. Zusammen mit Beate Zillmer, seit Anfang Februar als Verwaltungsangestellte unterstützend beim AStA tätig, gehen wir durch, was ansteht. Häufig sind Rechnungen dabei, so auch heute. Im Normalfall erstellt Alex ein Zahlungsformular, welches vom Prüfungsbeauftragten des Studierendenparlaments auf sachliche Richtigkeit untersucht wird. Anschließend wirft der Kassenwart des AStA einen Blick darauf. Die vielen Augen verringern die Wahrscheinlichkeit, dass ein Fehler passiert. Am Ende verbucht Beate Zillmer das Formular im Buchungssystem. Für den Finanzer ist das eine wertvolle Unterstützung: „Allein ist die ganze Arbeit kaum zu schaffen. Wir haben da zu dritt aber einen guten Weg gefunden.“ Neben der Sekretärin bekommt Alex nämlich auch Hilfe von der Co-Referentin für Finanzen, Annekatrin Sill. Dieses Co-Referat gibt es seit 2012. Während er alltägliche administrative Aufgaben, wie zum Beispiel Rechnungsbegleichung, Kontrolle der Einnahmen und Ausgaben der Studierendenschaft, sowie Erstellung und Verwaltung des Haushaltsplans übernimmt, ist Annekatrin für die Haushaltsprüfung und Betreuung der Fachschaften zuständig. „Die Absprache untereinander ist extrem wichtig. Vorher habe ich praktisch drei Posten ausgefüllt“, meint Alex und gibt zu, dass das Studium im vergangenen Semester viel zu kurz gekommen ist. „Das erste habe ich gut durchgezogen, im Zweiten war es schon schwieriger mit der Arbeit zu vereinbaren.“

Lebensplan: alles, bloß nicht geradeaus

Dass die Zahnräder geschmeidig ineinander greifen, zeigt sich nicht nur beim atmosphärischen Milch-Zucker-oder-beides, sondern auch bei einer der ersten Rechnungen. Mit dem Geschäftspartner waren eigentlich drei Prozent Skonto vereinbart worden, auf dem Dokument hingegen stehen zwei. Schnell sind sich Alex und Beate Zillmer einig, dass das zumindest für alle folgenden Rechnungen geklärt werden muss, denn der Preiserlass bei zeitnaher Überweisung lohnt sich – nicht nur für den AStA. „Solche Kooperationsverträge sind auf Dauer von Vorteil, weil wir das Gesparte wieder in die Veranstaltungen der Studierendenschaft und der einzelnen Fachschaften stecken können.“ Auf meine Frage, warum das seiner Meinung nach nicht passiert, reagiert Alex ausweichend. „Wir wissen, dass es auch mal Spannungen geben kann.“ Nach dem ersten Kaffee ist vor der ersten Zigarette. Als die an der Reihe ist, erfahre ich, dass der aus der Uckermark stammende Finanzer ursprünglich in der TV-Redaktion der moritz.medien Fuß fassen wollte. „Ich hab mich 2014 gleich nach Studienbeginn auf den Posten der Chefredaktion beworben und war bei mehreren Redaktionssitzungen.“ Hilfe wurde in der Studierendenschaft damals aber woanders dringender benötigt, und so landete Alex im Referat Finanzen. „Ich fühlte mich sofort gebraucht“, kommentiert er. Dabei sprach eigentlich vieles für die Medienarbeit: Interesse und Erfahrung mit der Organisation und Kalkulation von Kinofilmen und TV-Beiträgen, die der 30-Jährige in seiner Ausbildung zum Kaufmann für audiovisuelle Medien in Berlin gewinnen konnte. Daran schlossen sich drei Jahre Selbständigkeit, in der Alex das Gelernte anwendete. Er beteiligte sich am Dreh eines Imagefilms für ein kleines Modelabel und übernahm Produktionsleitung sowie Tonaufnahme in einem Kurzfilm zu Charlie Chaplin. Etwas leiser folgt das Geständnis, dass er nach dem Schulabschluss 2006 zunächst für zwei Jahre Gartenbau studierte. Das komme von der Familie her, erklärt er. Von Reue über eine der vielen Abzweigungen ist da jedoch keine Spur: „Man muss auf die Schnauze fallen. Und dann aufstehen und die Krone richten. Das macht einen schließlich auch stärker. Ich würde jedem empfehlen, Abitur und danach eine Berufsausbildung zu machen. Das nimmt einem keiner weg.“

Der mit dem Durchblick

alex2Zurück im Büro wird bald deutlich, was unter „alltägliche administrative Aufgaben“ eben auch fällt. Ein Student erscheint im AStA-Büro, in der Hand einen Ablehnungsbescheid der Charité, obwohl er offiziell bereits zugelassen wurde. Alex empfiehlt ihm, sich damit direkt an die Universität Greifswald zu wenden. „Wir bräuchten wirklich eine Rechtsberatung“, beschwert sich der Finanzer, als der Student wieder gegangen ist. „Jemanden außerhalb vom Studentenwerk, der sich mit öffentlichem Recht auskennt und sich um die Belange der Studierenden kümmert. Andere Unis haben diese Posten schließlich auch.“ Die Universität Greifswald aber eben nicht. Und so ist Alex auch in solchen Fällen Ansprechpartner, die mit Finanzen überhaupt nichts zu tun haben. „Das ist manchmal problematisch, wenn man hier unten arbeitet“, erklärt er und lacht. „Die Leute sagen oft ‚Ach, du bist ja da, du weißt ja Bescheid.’“ Aus diesem Grund ist er irgendwann in die Büroräume eine Etage höher gezogen, ebenso wie der AStA-Vorsitz. Beide Posten sind von den Sprechzeiten für Studenten ausgenommen. Es ist noch nicht Mittag, als die nächste Studentin Rat sucht.

Dass Alex das Thema Rechtsberatung wichtig ist, wird schon durch seine Studienwahl deutlich. „Es gibt eine Menge Schnittpunkte zwischen dem Studium und der Arbeit hier. Allerdings fehlt ganz klar die Praxis an der Universität.“ Durch die Erfahrungen als Finanzer hat er bisher einiges an Kenntnissen im Steuerrecht und in den landesrechtlichen Vorschriften für Haushalte dazugewonnen. Spezialisieren möchte er sich selbst später dann auf Medien- und Urheberrecht oder öffentliches Recht. „Das kommt aber erst in den höheren Semestern.“ Zunächst legt er den Schwerpunkt auf die AStA-Arbeit. Die angestrebte Klage gegen das Finanz-amt zur Umsatzsteuerdebatte (moritz. berichtete im Heft 120) möchte er in seiner Amtszeit auf jeden Fall „noch durchkriegen.“. Wann diese Amtszeit endet, ist bisher ungewiss. Ihn füllt aus, was er tagtäglich tut. „Ich habe hier weder Langeweile noch fühle ich mich überfordert.“ Klingt perfekt, aber das Studium? „Wenn das überhaupt nicht mehr nebeneinander klappt, gebe ich den Job natürlich ab. Aber man muss eben sehen, was wichtiger ist. Ich bekomme einen ganz anderen guten Draht zur Uni und habe andere Einblicke in die Verwaltung als die meisten Studierenden.“

Doch da sind noch andere Gründe, aus denen Alex die Arbeit möglichst lange fortsetzen will. „Es dauert einfach, bis man den Durchblick hat. Auch nach einem halben Jahr wusste ich noch nicht alles. Das macht die Einarbeitung eines Nachfolgers schon schwierig.“ Irgendwann wird die Zeit trotzdem kommen, und dann wünscht er sich jemanden, der Selbstengagement und Einarbeitungswillen zeigt: „Man ist nicht nur verantwortlich für das, was man tut, sondern auch für das, was man nicht tut“, gibt er einen Teil seiner Lebensphilosophie preis. So hat er sich bei seinem Amtsantritt zum Beispiel mit dem Archiv der Haushalte auseinandergesetzt.

„Genauso wichtig sind jedoch Zuverlässigkeit, Kommunikationsfreude und persönliches Interesse. Sonst kann man’s vergessen.“

Machen, was wirklich zählt

Das Telefon klingelt und Alex nimmt den Hörer ab. Seine Stimme ist freundlich, beschwingt gibt er Auskunft. Nichts ist zu spüren von Stress oder Belastung. Den Umgang damit hat er durch die Arbeit gelernt. Ob er die Erziehung seines zehn Monate alten Sohnes ebenso gelassen sieht? „Meine Frau ist Erzieherin“, teilt er mir schmunzelnd mit. „Ich bin auch wirklich froh, in dem Punkt so einen kompetenten Menschen an meiner Seite zu haben.“ Mitgeben möchte er dem Nachwuchs dennoch einiges: Selbstorganisation, Selbstreflexion und Selbstkritik. „Mir bedeutet Transparenz eine Menge. Wenn ein Fehler passiert, sollte man das ansprechen und sich auch selbst fragen, wie der passieren konnte.“ Studium, AStA-Arbeit und Minifamilie – da bleibt wohl nicht viel Zeit für sich selbst. Morgens und am Wochenende ist Familienzeit, nachmittags besucht Alex Vorlesungen. „Zwischen 23 und 2 Uhr widme ich mich meinen Hobbies“, verkündet er. Dann werden Fotos geschossen oder Filme geschnitten, so wie die Neujahrsansprache der Rektorin zum Beispiel. In seiner Jugend hat er viel Volleyball gespielt, doch mittlerweile tritt er auch da kürzer. Musikalisch sei er aber nie gewesen. „Ich kann vielleicht gerade noch Smells like teen spirit oder Come as you are auf der Gitarre, aber das war’s“, lacht der Finanzer.

Stattdessen konzentriert er sich auf die laufenden und kommenden Projekte. „Aktuell ist die Abrechnung des Haushaltes 2015 an der Reihe, nur die Zahlen der Fachschaften und Medien stehen noch aus.“ Für die Zukunft plant Alex, im Senat die Gleichstellung der Ehrenamtlichen in Studentenclubs und studentischen Vereinen mit den Gremienmitgliedern zu beantragen. Eine Anerkennung der Arbeit seitens der Universität durch verlängerte Regelstudienzeiten sieht er als gerechtfertigt an. Nach der Verwaltungsvorschrift vom Beginn des vergangenen Jahres können sich bisher die Amtsinhaber aller studentischen Gremien, der Chefredaktionen der moritz.medien sowie Übungsleiter im Hochschulsport die Regelstudienzeit in postenabhängigem Verhältnis zur Amtszeit verlängern lassen. Es habe bereits einen ähnlichen Antrag gegeben, der jedoch abgelehnt wurde, erläutert der Finanzer des AStA. Was kam nochmal nach dem Auf-die-Schnauze-fallen?

von Luise Fechner

Foto: Luise Fechner