Das neue Semester hat gerade begonnen und die Uni nimmt uns wieder in Anspruch. Keine Zeit zum Entspannen und regnerisches Aprilwetter: Bester Nährboden für Fernweh. Was sind die Gründe für dieses Phänomen, das uns regelmäßig heimsucht?

Lange weiße Strände. Der warme Sand gibt leicht unter den nackten Füßen nach. Das türkisblaue Meer rauscht und schiebt sich in weißen Kräuselwellen ans Ufer. Eine leichte Brise weht durchs Haar und trägt den Duft nach Salz und Freiheit in die Nase. Wie schön das wäre. Doch statt dem Gefühl von Urlaub, Erholung oder Abenteuer beherrscht der stressige und häufig farblose Alltag das Greifswalder Studentenleben. Man werfe nur einen Blick aus den Fenstern der Universitätsbibliothek auf den mitunter wolkenverhangenen Campus und schon bleiben einem nur noch Gedanken an fremde Länder als Hoffnungsschimmer. Und plötzlich hat es einen erwischt und man steckt mitten drin im Fernweh.

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Aber was ist das überhaupt? Was erzeugt Fernweh und warum empfinden manche Menschen intensiver oder öfter Fernweh, andere hingegen nie? Zunächst ist es wichtig, den Begriff durch seine überwiegend alltagssprachliche Verwendung klar zu definieren und einzugrenzen. Doktor Edzard Glitsch, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Gesundheit und Prävention der Universität Greifswald, sieht im Fernweh das Bedürfnis nach der Ferne oder zumindest das Gewinnen von Abstand zum Gewohnten. Hilfreich sei immer die Betrachtung des Wortes an sich. „Wenn einem Menschen „weh“ oder „leid“ ist, dann empfindet er ein starkes Verlangen nach Veränderung, welche in Richtung eines Ziels führen soll, das ihm Erleichterung, Erfüllung oder Lustgewinn verschaffen kann.“ Es entsteht demnach durch das ständige innere Suchen und Abwägen von verschiedenen Handlungsalternativen, so Doktor Glitsch. Bei dem Beispiel mit der Universitätsbibliothek wird diese Annahme deutlich. Der lernende Studierende fühlt beim mühseligen Lesen seiner Lehrbücher das Verlangen, die Situation zu verändern. Zusätzlich sorgt das Gefühl des Versagens dafür, dass jeder andere Ort – je ferner, desto besser – mit angenehmeren Empfindungen verbunden wird als der unbequeme Stuhl zwischen endlosen Regalreihen. Nun ist es allerdings wenig realistisch, dass der unmotivierte Studierende kurzerhand einen Koffer packt und sich in den nächsten Flieger setzt. Warum eigentlich nicht?

Doktor Glitsch erklärt es folgendermaßen: „Es ist eine Frage der Handlungskontrolle, ob die gewünschte Handlung ausgeführt wird oder nicht.“ Dabei handelt es sich um die Kontrolle über Ressourcen wie Geld und Zeit sowie Fertigkeiten, zum Beispiel die Fähigkeit, eine Reise zu organisieren. „Manchmal fehlt es an Geld, mal an Mut, mal sind konkurrierende Handlungsalternativen bequemer und schon findet sich der sehnsüchtige Mensch im Freizeitbad oder dem Alkoholrausch wieder, anstatt auf die Fiji Inseln zu fliegen“, beschreibt Glitsch mögliche Szenarien. Dass die Unterdrückung von Fernweh zu solch drastischen Folgen führt, ist nicht zwangsläufig der Fall jedoch auch nicht unwahrscheinlich. „Leidet ein Mensch langanhaltend unter Fernweh und kann Freiheitsbedürfnisse nicht realisieren, so ist dies wie Dauerstress mit Hilflosigkeitsgefühlen. Daraus können sich durchaus psychische Störungsbilder wie Erschöpfungszustände, Depressionen oder Angstzustände ergeben“, weiß Glitsch.

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Es bleibt dennoch die Frage offen, warum manche Menschen „Weltenbummeln“ zu ihren Hobbys zählen und manche nur im nötigsten Fall ihre Stadtgrenze überqueren. Neben sozioökonomischen oder gesundheitlichen Gründen kann man das Phänomen auch aus psychologischer Sicht aus zwei Perspektiven betrachten. „Menschen, denen es an nichts fehlt und die eine starke emotionale Bindung an ihren aktuellen Ort haben, werden kaum ausreichend lange oder intensiv anhaltende Gründe entwickeln, ihren als positiv erlebten Zustand verändern, also in ferne Länder reisen zu wollen,“ ist sich Glitsch sicher. Ein anderer Ansatz wäre, dass Möglichkeiten überhaupt nicht in Betracht gezogen werden, solange sie nicht Teil des eigenen Lebensumfeldes sind. Was wir nicht wissen, macht uns also tatsächlich nicht heiß. Glitsch geht sogar weiter: „Solche Menschen haben kein hohes Anspruchsniveau und sind deshalb nicht so bedürftig. Nichtwissen kann auch schützen.“

Bildschirmfoto 2016-03-21 um 21.45.01Auch der Kulturkreis spielt in der Entwicklung von Fernweh eine wesentliche Rolle. Reisen im Sinne von luxuriösen Weiterbildungsmaßnahmen inklusive Erholungswert etablierte sich erst im 18. Jahrhundert in Westeuropa, als sich privilegierte Menschen auf Fahrten in fremde Länder vergnügten. Ein weiterer Aspekt ist in den Werten einer Gesellschaft verwurzelt. Glitsch erklärt: „Je beschränkter ein Kulturkreis im Sinne der Zubilligung von Freiheit und Autonomie ist, desto stärker ist das Bedürfnis nach Befreiung.“ Man könnte also meinen, die regelmäßige Flucht auf die Malediven sei ein Resultat von Unterdrückung? „Nicht ganz“, korrigiert Glitsch. „Fernweh ist ein Gefühl, das Veränderungsbedarf signalisiert, zum Beispiel in unterschiedlichen sozialen Kontexten wie der Partnerschaft, dem Beruf oder Wohlbefinden an einem Ort. Emotionen haben generell eine sehr starke evolutionäre Bedeutung, indem sie Angst, Leiden oder Gefahr anzeigen.“ Ob das Gefühl, aus der Bibliothek fliehen zu müssen, nun evolutionär bedingt ist, darüber lässt sich streiten. Wird der Leidensdruck aber zu groß und damit nicht mehr ertragbar, so ist es nicht verwunderlich, dass viele Studierende die gesuchte VBildschirmfoto 2016-03-21 um 21.45.22eränderung zur Lösung ihrer Probleme in der Ferne suchen. Laut Glitsch ist das psychologisch nicht zu empfehlen, da in den meisten Fällen die persönlichen Schwierigkeiten unabhängig von der Umwelt fortbestehen.

Diese Umwelt, die einen Menschen vom ersten Tag seines Lebens und deshalb auch die Tendenz zu starkem oder schwachem Fernweh prägt, besteht aus den Komponenten Erfahrung, Lernen und Anlage. „In der Psychologie spricht man von eigenschaftstypologischen Ursachen. Ob und wonach man sich sehnt, hängt von den bisher gemachten Erfahrungen, dem grundlegenden Temperament einer Persönlichkeit sowie von neurologischen Faktoren ab.“ Mit letzterem meint Glitsch, dass jeder Mensch
ein individuelles Nervensystem besitzt, welches in unterschiedlichem Maße das Bedürfnis nach Stimulation, also ständigen Anreizen, verlangt.

Das Phänomen Fernweh anhand von Theorien zu beleuchten wird nach einer Weile dröge, zudem sich unser Studierender bei seinen Urlaubsfantasien wohl kaum auf Handlungsalternativen oder genetische Veranlagung besinnen wird. Tobias Nagel vom TUI Reisecenter Gryps-Reisen ist die Schnittstelle zwischen Gefühl und Handlung und erlebt täglich, wie Menschen ihr Fernweh stillen. Zu den sogenannten Fernreisen zählt ein Aufenthalt in Ländern außerhalb von Europa und den Mittelmeerstaaten. „Beliebte Ziele sind derzeit Thailand, Australien und Namibia. Letzteres aufgrund der relativ hohen Sicherheit, der faszinierenden Tierwelt und möglicherweise auch wegen der emotionalen historischen Bindung an Deutschland“, berichtet Nagel. Generell würden Länder mit einem warmen Klima bevorzugt, die vermehrt in den Wintermonaten gebucht werden, erzählt er von seiner Erfahrung im Reisebüro. Die Dauer einer Reise unterscheidet sich von Fall zu Fall. „Kurzurlaube in europäische Metropolen bieten eine kleine Auszeit vom Alltag und locken mit günstigen Flugtickets“, so Nagel. „Andererseits habBildschirmfoto 2016-03-21 um 21.45.32en wir häufig Kunden, die noch keine Kinder haben oder deren Kinder schon aus dem Haus sind, die sich bewusst für mehrere Wochen auf ein fremdes Land einlassen, um es gründlich kennenzulernen.“

Dass das Reiseverhalten vom allgemeinen Wohlstand einer Gesellschaft abhängig ist, verwundert nicht. Ein Shopping-Trip nach London passt bequem in ein verlängertes Wochenende und kostet dabei nicht mehr als ein Busticket zwischen zwei deutschen Städten. Eine Reise ist kein Luxusgut mehr, wie vor dreihundert Jahren, sondern wird für jedes soziale Milieu erschwinglich gestaltet. Worauf niemand so gerne schaut, sind die höchst schädlichen Folgen für unsere Umwelt. Tobias Nagel ist selbst sichtlich bedrückt: „Die Entwicklung ist leider nicht gut. Die Menschen freuen sich über billige Flugpreise und verdrängen den ökologischen Schaden, den sie da- mit anrichten. Es geht dabei gar nicht um Langstreckenflüge, zumal man diese durchschnittlich alle zwei Jahre tätigt.“ Verheerend seien eben jene Kurzurlaube mit ihren verlockend niedrigen Preisen. Flugkonzerne haben bereits Versuche gegen diese Entwicklung gestartet, wie beispielsweise die Möglichkeit für den Kunden, bei der Buchung einen kleinen Beitrag für den Umweltschutz zu spenden. „So richtig bringt das aber nichts“, weiß Nagel. „Vor einiger Zeit wurde mit Flugsteuern versucht, die Nachfrage zu hemmen. Das waren jedoch nur zehn oder fünfzehn Euro mehr pro Flug und hat niemanden wirklich abgehalten.“ Reisen zu verbieten oder zu beschränken klingt zunächst nach einer wirksamen Lösung, ist zugleich aber mit unseren demokratisch-freiheitlichen Werten nicht zu vereinbaren.

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Über mangelnde Möglichkeiten, neue Länder zu entdecken, muss sich der Betreiber des Reisecenters keine Gedanken machen. Durch Fachzeitschriften und Seminare werden er und seine Mitarbeiter regelmäßig über neue Reiseziele informiert. „Manchmal lernen wir aber auch mit den Kunden. Neulich wollte ein Mann auf irgendeine exotische Südseeinsel zum Tauchen. Da musste ich auch erst mal auf die Landkarte schauen“, erzählt er lachend. Seine Kunden sind ihm treu und nicht selten landet elek- tronische sowie fassbare Post aus dem Urlaub im Briefkasten des Reisecenters. „Trotz der vielen Online-Anbieter haben wir kein Problem und können ein jährliches Plus von zwei bis fünf Prozent verschreiben.“ Die Begründung ist simpel. „Zum einen liegt das daran, dass der Urlaubsmarkt grundsätzlich steigt. Außerdem gibt es bei Pauschalreisen eine Preisbindung, sodass das Internet keine Gefahr für unsere Existenz darstellt.“ Die Kunden sind froh, einen Ansprechpartner zu haben, der im Notfall kompetent aus seinem Büro weiterhelfen kann, damit aus dem Urlaub ein Traumurlaub wird. Und die Studierenden in der Bibliothek? Für die sind es ja, zumindest hier in Greifswald, zum Glück keine tausend Kilometer bis zum Meer.

von Constanze Bude & Rachel Calé

Illustration: Sebastian Buchstedt, mit Material von Freepic