Die Gebrüder Grimm wollen einen Kanon der Weltliteratur entwickeln. Für ihre literarische Reise um den Globus lesen sie bedeutende Werke der Geschichte. Zuerst Joseph von Eichendorffs „Aus dem Leben eines Taugenichts“, um zu entscheiden: Top oder Flop?

Willy: Wir haben viel zu lang nichts Spannendes mehr gestartet. An der Uni unterrichten ist auf die Dauer übelst öde.

Jacobus: Also Willy! Wenn das König Ernst August I. hören würde! Aber Du hast ja recht. Was schwebt Dir vor?

Willy: Meine Studis fragen ständig nach Werken aus der Weltliteratur.

Jacobus: Weltliteratur im Sinne Goethes, der den Begriff als gegenseitige Rezeption, als das gemeinsame gesellschaftliche Wirken lebender Autoren definiert, und der den Übersetzer als wichtige Vermittlungsinstanz ansieht, oder nach Schlegel, der von universeller Poesie spricht, oder nach Wieland oder…

Willy: Genau.

Jacobus: Wie bitte?

Willy: Ja – was gehört zur Weltliteratur? Egal, was Goethe oder wer auch immer dazu sagt: Welche Werke konkret? Die Studis brauchen doch irgendwas, wonach sie sich richten können. Sie können doch nicht alles lesen, was jemals international irgendwie gut angekommen ist.

Jacobus: Ein Kanon! Was für eine exzellente Idee! Wir sollten uns sofort an die Arbeit machen. Wir gehen nach Ländern vor und beginnen … natürlich bei uns.

Willy: Cool! Ich hab gehört, dass Joseph von Eichendorff gerade was Neues fertig geschrieben hat, „Aus dem Leben eines Taugenichts“ oder so. Lass uns doch mal auf Schloss Lubowitz vorbeischauen, ich glaub, das wird was Krasses.

* eine Woche später *

Willy: Die Story ist gut zu verstehen. Also ich kapier schon irgendwie, dass der Taugenichts Geige spielen kann und auf die Alte steht. Nur die ganzen Gedichte haben mich total angeödet.

„Wohin ich geh und schaue, In Feld und Wald und Tal. Vom Berg ins Himmelblaue, Viel schöne gnäd’ge Fraue, Grüß ich Dich tausendmal.“

Und das immer wieder!

Jacobus: Aber Willy! Gerade das macht doch die sprachliche Qualität der Novelle aus! Und dass sich Eichendorff nur schwer von der Lyrik trennen kann, verzeihe ich ihm gerne. Nicht umsonst hatte er zunächst überlegt, seine Erzählung „Der neue Troubadour“ zu nennen, die Nähe zum Minnetext war ihm durchaus bewusst.

Willy: Easy, Bruder! Klartext bitte!

Jacobus: Als Troubadour bezeichnet man den Sänger mittelalterlicher Lieder am Hof. Hierzu zählt der Minnesänger, der seine höfische Dame, seine „frouwe“ besang und sein Leben in ihren Dienst stellte. Und genau dieses Besingen einer Dame ist eben auch zentraler Bestandteil von Eichendorffs Novelle.

Willy: Deswegen ist also von der „Fraue“ die Rede! Hat mich ewig angenervt diese Form. Aber gut, scheint ja System hinter zu stehen. Aber am Ende kommt doch raus, dass  –

Jacobus: Eben, am Ende! Ist es nicht eine wahnsinnige Überraschung? Immerhin wird sie immerzu „Fraue“ oder „schöne gnädige Dame“ genannt.

Willy: Na gut. Also mich hat das alles stark an Goethes Werther erinnert. So’n junger Typ zieht los in die Welt, verknallt sich und kann sein Gehirn für nichts anderes mehr anstrengen, als von der Tussi zu fantasieren. Meiner Meinung nach ist es da mit dem ursprünglichen Ziel des Taugenichts, mal „über den Tellerrand“ zu gucken, nicht so weit her.

Jacobus: Immerhin ist er in Wien, in Italien, trifft Prager Studenten, … Da kann man schon neidisch werden, was für interkulturelle Erfahrungen der Bursche so macht. Und seine schönen Beschreibungen, wie fremd er sich fühlt:

„Denn mir war in dem fremden Lande nicht anders, als wäre ich mit meiner deutschen Zunge tausend Klafter tief ins Meer versenkt, und allerlei unbekanntes Gewürm ringelte sich und rauschte da in der Einsamkeit um mich her, und glotzte und schnappte nach mir.“

Willy: Ok, ja, das war ganz gut, wie er in Italien nicht schnacken kann, weil ihn einfach keine Sau versteht. Oder die Stelle, als er nachts die alte Frau mit dem Messer sieht – richtig creepy!

Jacobus: Stimmt, ein sehr abwechslungsreicher Text.

Willy: Also, ich würd’s auf jeden Fall in den Kanon aufnehmen. Dafür, dass Eichendorff Spätromantiker ist, ist der Text echt noch erträglich, was Sehnsucht und Schmerz angeht. Die Hauptperson ist echt locker drauf, und seine Erlebnisse kann jeder nachvollziehen, der schonmal im Ausland war. Abgesehen vielleicht von seiner Liebe zu einer Frau, die er eigentlich gar nicht so wirklich kennt.

Jacobus: Wobei mir ja gerade der Tiefgang teilweise gefehlt hat. Alles ist so zufällig, ein Ereignis folgt auf das andere, ohne dass der Taugenichts irgendetwas dafür tun müsste, außer lebensfroh zu sein und auf seiner Geige zu spielen.

Willy: Und Blumensträuße zu binden. Aber so ganz undramatisch ist es dann auch wieder nicht. Heulen tut er ja, da musste nichts vermissen. Die Sehnsucht packt ihn schon hart.

Jacobus: Ja, es ist ein emotionaler aber gleichzeitig auch sehr gelassener und humorvoller Text, der einen Gegensatz zum Besitzbürgertum, zu einer durchrationalisierten kalten Zivilisation schafft. Das positive Taugenichts-Bild eines armen Künstlers stilisiert den Deutschen als poetisch und musisch, als unternehmungs-, reise- und lebenslustig. Eichendorff schafft ein wunderbares Prosawerk, das nicht nur ältere Dichtungsformen aufnimmt, sondern mit Sicherheit auch als wich- tiges Werk der Spätromantik angesehen werden wird! Da haben wir unser erstes Werk für unser Literaturlexikon also gefunden.

Willy: Top!

von Sabrina Stock

Illustration: Anna Gusewski