Ein Semester im Ausland zu verbringen ist der Traum von vielen Studierenden: dem Alltag entfliehen und an einer anderen Universität neue Freunde finden. Besticht das alles nur durch Internationalität? Ein Besuch in Dortmund beweist das Gegenteil.

Eisiger Wind, Glatteis und Schneefall. Im Winter habe ich mir mehr als einmal gewünscht, nicht in Greifswald zu studieren. Hier stößt man beim Radeln zur Uni auf die unterschiedlichsten Hürden und muss hoffen, unbeschadet am Hörsaal anzukommen. In Dortmund ist das anders. Alles läuft über den Nahverkehr, denn viele der 33 000 Studierenden pendeln täglich zur Technischen Universität Dortmund (TU), die auf einem zweiteiligen Campus junge Menschen in 80 Bachelor- und Masterstudiengängen ausbildet. Für eine Woche tausche ich mit Stella Venohr, Studentin der Angewandten Sprachwissenschaften, Politik und Journalistik in Dortmund, die Uni. Sie besucht meine Veranstaltungen und ich ihre. Sie wohnt bei mir zu Hause, ich mache es mir in ihrer WG gemütlich. Bei meiner Ankunft sehe ich nichts bis auf das Bahnhofsgebäude und die Straßen auf dem Weg in die WG. Stellas Freundin Anneke Niehues, die mich vom Bahnhof abholt, erzählt mir von den Möglichkeiten, die mir die Austausch-Woche außer den Univeranstaltungen bietet. „Du könntest auf die Aussichtsplattform der Union-Brauerei gehen. Von da aus hat man eine tolle Sicht auf die Stadt.“ Bereits im Vorfeld wurde mir davon erzählt und so habe ich in einem Stadtführer aus der Bibliothek während der Zugfahrt nachgeschlagen, dass das weithin sichtbare „U“-Firmenlogo der ehemaligen Brauerei als Wahrzeichen der Stadt gilt. Nichts wie rauf auf meine To-Do-Liste.

Zwischen Tussi-Bunker und Mathe-Tower

Mit der S-Bahn gelangt man innerhalb von sechs Minuten aus dem Stadtzentrum zum Campus der TU. Der graue Himmel trübt den Anblick, dennoch bin ich beeindruckt. Eine breite Fußgängerbrücke verbindet die Bauten auf dem Campus und Studierende eilen zu ihrem nächsten Termin. Zuerst gehe ich mit Anneke in der Mensa essen. Die Bezeichnung umfasst allerdings weitaus mehr als eine Essensausgabe. Das Foyer der Mensa erinnert an eine Flughafen- oder Bahnhofshalle. Zur Verfügung stehen hier mehrere Bankfilialen, Coffeeshops, ein Fundbüro, ein Schreibwarengeschäft, ein Handy- sowie ein Bücherladen. In letzterem findet man neben Zeitungen, Lehrbüchern und der „Dummies“-Reihe auch Skripte einiger Vorlesungen. In einer Ecke spielt eine Gruppe Studenten Tischkicker –  gegen Langeweile wird hier vorgesorgt. Neben dem klassischen Mensaessen punktet die TU mit einer Vielzahl an Alternativen: Verlockend sind unter anderem die „food fakultät“ mit Backwaren und Pizzen sowie die „Genusswerkstatt“ mit Waffeln und Frozen Yoghurt im Angebot.

Rachel U

Anneke nimmt mich mit auf einen Rundgang über den Campus. Dabei macht sie mich mit den Insider-Namen der Gebäude vertraut: Wir lassen den „Tussi-Bunker“ hinter uns, in dem alle typisch weiblichen Studiengänge wie Kultur-, Sprach- und Bildungswissenschaften ihre Räumlichkeiten beherbergen. Etwas offizieller hingegen ist die Bezeichnung für den zentral gelegenen „Mathe-Tower“, auf dem das Aushängeschild der Universität thront: das sich drehende „tu“- Zeichen. Geplant war, ein Pendant zu dem markanten „Dortmunder U“ zu schaffen, wobei die Konstrukteure nicht bedacht haben, dass die Buchstaben von rechts nach links gelesen wenig Sinn ergeben, erzählt Anneke lachend. Wir laufen vorbei am Gebäude der Chemiker, dem Institut für Roboterforschung und einem gut gefüllten Parkplatz, auf dem Autos mit unterschiedlichsten Kennzeichen stehen. Alles in allem funktioniert der Campus wie eine eigene Stadt – inklusive Nahverkehr. Neben den Bussen gibt es jedoch an der TU Dortmund ein selteneres Transportmittel: die Hoch-Bahn (H-Bahn), die an einer Oberleitung befestigt eine Verbindung zwischen dem Campus Nord und dem Campus Süd herstellt. „Sie ist anfangs das totale Highlight! Aber nach ein paar Wochen verliert sie ihren Reiz und wird sogar ein bisschen lästig, wenn man darauf angewiesen ist, um zu einer Veranstaltung zu kommen“, berichtet Anneke. Ob die Lehre hier praxisbezogener als an anderen Universitäten ist, frage ich sie auf der Fahrt. „Das kommt ganz auf den Studiengang an“, entgegnet sie. „Es gibt eine Menge technischer Fächer, nicht umsonst heißt es ‚Technische Universität‘. Aber solche theorielastigen Studiengänge wie Betriebswirtschaftslehre oder Psychologie sind nicht anders als an jeder anderen Uni.“ Bei der nächsten Station werde ich stutzig, denn wir gehen auf ein Zelt zu. Findet hier ein Konzert statt? Nein, und auch kein Ball, kein Volksfest oder jegliche andere Art von Vergnügung, sondern eine reguläre Vorlesung. Die Lokalität nennt sich das Hörsaalzelt und wurde aufgrund von Kapazitätsmangel zu einem Hörsaal umfunktioniert. „Es ist komisch, darin eine Vorlesung zu haben. Die Luft ist meistens nicht so gut, aber wenigstens ist es warm“, erzählt Anneke. Den Platz für die meisten Lernenden bietet das Audimax. Etwa doppelt so hoch wie die Greifswalder Kiste und in gebogener Form, muss man sich sehr anstrengen, um die Schrift auf der Folie erkennen zu können. Zudem enden die Versuche des Dozenten, Kontakt mit Studierenden aufzunehmen, meistens ohne Erfolg. Ob das bei einer kleineren Gruppe anders ist? Ich will es herausfinden.

Der Stern am Dozentenhimmel

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Auf dem Weg zum Seminar „Journalismus und Führung“, an dem ich als Gasthörerin teilnehmen darf, treffe ich Sigrun Rottmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Journalistik und Leiterin der Lehrredaktion Print. Sie begrüßt mich und wünscht mir viel Spaß für die Veranstaltung bei Professor Claus Eurich. „So einen Professor gibt es nicht an jeder Uni. Er ist hier so etwas wie eine Legende“, schwärmt sie. Ähnliches habe ich bereits von anderen Studierenden gehört. „Er ist kurz vor der Pensionierung, körperlich und vor allem geistig trotzdem absolut fit. Eurich ist der Stern am Dozentenhimmel.“ Mit ruhiger Stimme und einer unbeschreiblichen Besonnenheit erklärt er den Studierenden, dass er gesundheitlich angeschlagen ist und deshalb um besondere Rücksicht bittet. „Im März bin ich seit 40 Jahren an dieser Uni und habe in diesem Zeitraum nicht mehr als zwei Wochen am Stück gefehlt“, fügt er hinzu. In der heutigen Sitzung geht es zunächst um nonverbale Kommunikation. Auch wenn es nicht meine Aufgabe ist, schreibe ich schon nach wenigen Minuten seine Worte mit. Professor Eurich doziert über die Bedeutung von nonverbaler Kommunikation für die Rolle eines Journalisten. „Es ist wichtig, dass Sie lernen, Ihre Gefühle professionell zu regulieren und zu kommunizieren.“ Später geht es um einen Mechanismus zur Neustrukturierung einer Organisation, die er „Traumwerkstatt“ nennt. Die Abwechslung aus Artikulieren der eigenen Vision und ständiger Kritik führe oftmals zum Erfolg und ließe sich auch auf die persönliche Zukunftsplanung anwenden. Das Seminar hat mich inspiriert, weshalb ich auf dem Heimweg in der S-Bahn nur mit halbem Ohr ein Gespräch unter Studentinnen wahrnehme. Es geht um Prüfungen, Hausarbeiten und zu wenig Schlaf. Studenten-Alltag ist also Studenten-Alltag, Campus hin oder her, egal wo.

Im Kreuzverhör

Die Tage verbringe ich überwiegend auf dem Campus und erst nach einiger Zeit fällt mir auf, dass ich von der Stadt selbst kaum etwas gesehen habe. Dortmund sei hässlich – so war der O-Ton bei allen Gesprächen in Greifswald, die ich im Vorfeld der Tauschwoche geführt habe. Zugegeben, die Großstadt wird niemals an die Hansestadt mit ihren Giebelhäusern und dem historischen Kern herankommen. Allerdings wurde Dortmund im zweiten Weltkrieg zu 90 Prozent zerstört. Laut Stadtführer gab es sogar zeitweise Pläne, die Stadt an einer anderen Stelle von Neuem zu errichten. Zum Glück verwarf man diese wieder, denn trotz der Nachkriegsbauten, die den Stadtkern dominieren, bietet Dortmund auch Ecken für Architekturliebhaber. Eine von ihnen ist das Kreuzviertel, südlich der Innenstadt gelegen. Steigt man aus der U-Bahnstation, blickt man in helle Straßen mit aneinander gereihten Altbauten. „Die Ecke ist beliebt bei Studenten, aber die Mieten sind relativ hoch. Deshalb wohnen viele lieber in der günstigeren Nordstadt,“ erzählt mir Anneke bei unserem Spaziergang. Nachdem wir uns an den Prachtbauten sattgesehen haben, machen wir in einem Eckcafé namens „Kieztörtchen“ Rast: aufgrund seines bunten Publikums und der Auswahl an selbstgemachten Leckereien meiner Meinung nach der Inbegriff des hippen Kreuzviertels.

Damit kein Heimweh aufkommt, sehen wir uns den Dortmunder Stadthafen an. Containerschiffe prägen das Bild und wer mit einer Flaniermeile à la Jungfernstieg rechnet, wird enttäuscht. Laut Stadtführer liegt der Hafen in „unmittelbarer Nähe zur Innenstadt“. Es herrschen eindeutig andere Verhältnisse als in Greifswald. So brauche ich zu Fuß knappe 30 Minuten, bis ich vom Dortmunder Hafen die Innenstadt erreiche. Diese lässt bis auf vier Kirchen und ein paar wenige historische Häuser kaum auf die frühere Gestalt der Stadt schließen. Heutzutage prägen Betonklötze und Shopping-Malls ihr Bild. Auf meiner Liste steht noch immer das „Dortmunder U“. Das Hochhaus gehörte ursprünglich zur Dortmunder Union-Brauerei und wird heutzutage als Kunst- und Kreativitätszentrum genutzt. Auf jeder Etage gibt es wechselnde Ausstellungen, beispielsweise eine mit Gemälden von Kunststudierenden der TU. Von der Dachterrasse kann man auf die ganze Stadt blicken. Aber nicht nur auf Dortmund: „Die Städte im Ruhrgebiet gehen teilweise ineinander über. Wenn man hier aufgewachsen ist und nach München oder Hamburg fährt, ist das seltsam. Nach der Stadt kommt dort erst mal viel Land, “ erzählt Anneke und lacht. Bis auf einige Ausnahmen schließe ich mich den Urteilen der Daheimgebliebenen an. Dortmund ist architektonisch keine besonders hübsche Stadt. Aber sie ist auf eine andere Art schön. Zum einen bietet das Ruhrgebiet insgesamt eine Infrastruktur, von der Greifswalder nur träumen können, selbst wenn Verspätungen der S-Bahn zur Tagesordnung gehören. Kulturell ist hier für jeden etwas dabei – ob Kunstmuseum oder Fußballstadion. Des weiteren sind die Mietpreise vergleichsweise verschwindend niedrig. Wem außerdem das Leben in einer Großstadt nichts ausmacht, wer kontaktfreudig und offen ist und eine gute Ausbildung schätzt, der kann hier sehr glücklich werden. Und darf sich auf die eine oder andere H-Bahn-Fahrt freuen.

von Rachel Calé

Fotos: Rachel Calé