Der ein oder andere mag sich noch an das „Kentern und Verstehen“-Festival erinnern, bei dem vor zweieinhalb Jahren in den Bahnhofshallen rund 1 000 Leute mit Feine Sahne Fischfilet feierten. Doch nach einem Festivalgelände sieht es hier nicht mehr aus.

Die Bahnhofshallen sind vielen bekannt. Am Standort, wo Feine Sahne Fischfilet und Frittenbude spielten, wo früher mal der TV-Club seine Türen öffnete und später der Ahoi-Club die Feierwütigen begrüßte, kommt man in Greifswald kaum vorbei. Vorbei sind aber die Zeiten, in denen das Gelände so genutzt werden konnte. Richtig heißt es eigentlich: das Kraftwagen-Ausbesserungswerks (KAW) -Gelände. Durch zerbrochene Fenster schaut man in eine komplett leere Halle, der Boden ist nur von Bauschutt und Pfützen bedeckt. Draußen sieht es nicht besser aus, ein großer Schutthaufen liegt neben dem anderen. Doch wer denkt, hier passiert nichts, der täuscht sich.

Alles begann, als der Investor Jürgen Sallier auf die Bildfläche trat und seine Pläne für die Bahnhofshallen präsentierte. Zu Beginn war von einem Einkaufszentrum mit 1 200 m2 Verkaufsfläche die Rede. Dabei sollte es keine Sortimentsbeschränkung geben, von einem Supermarkt über eine Fast Food Kette bis zu Klamottenläden war alles geplant. Salliers Pläne sind bei den Greifswaldern nicht gerade auf große Begeisterung gestoßen, vor allem unter den Studierenden war der Aufschrei groß. 2014, als die Pläne für die kommende Bebauung des Geländes konkreter wurden, war gerade die RoSa WG auf das KAW-Gelände gezogen. Am Anfang noch unter Bezeichnung „Roter Salon“ laufend, wurde die RoSa WG bekannt für rauschende Electro- und Techno-Partys und war ein wichtiger Bestandteil für die studentische Abendkultur. Bis zum Umzug auf das KAW-Gelände fanden die Veranstaltungen immer an unterschiedlichen Orten statt, für einen Club nicht die besten Voraussetzungen. Dann schien mit dem KAW-Gelände eine Lösung gefunden worden zu sein, in den Räumen eines ehemaligen Call-Centers konnten die Organisatoren ihre Mischpulte aufbauen. Geplant war, hier eine dauerhafte Location für die RoSa WG zu etablieren. Clubs gehören jedoch nicht zum Sortiment des neuen Einkaufparadieses. Damit hätte der Umbau des Geländes, Salliers Plänen folgend, das Aus für den Studentenclub bedeutet.

 

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Wer den Gutachter zahlt, lacht am besten

Aber nicht nur Studenten, auch viele Geschäftsinhaber der Innenstadt stehen dem Bauprojekt kritisch gegenüber. Viele Gegner des Neubaus haben sich zusammengefunden und eine Bürgerinitiative gegründet. Die Kaufleute aus der Innenstadt sind nicht begeistert davon, dass so nah an ihren Geschäften ein Einkaufszentrum entstehen soll. Ein so großes Zentrum würde beträchtliche Konkurrenz bedeuten. Wer einmal durch die Dompassage gelaufen ist, und die leerstehenden Läden gesehen hat, kann erahnen, wie schwer es für viele Läden auch ohne zusätzliche Konkurrenz ist, sich in der Innenstadt zu halten. Den Gegenwind spürend beauftragte Investor Sallier die CIMA Beratung + Management GmbH mit Sitz in Lübeck, um die wirtschaftlichen Folgen seines Vorhabens prüfen zu lassen. Das Ergebnis ist nicht überraschend, wenn man den Auftraggeber hinter dem Gutachten kennt. Laut CIMA-Gutachten würde der Umbau auf dem KAW-Gelände die Nahversorgungssituation verbessern und Kaufkraft zurück in den zentralen Bereich der Stadt holen. Außerdem wird dem neuen Einkaufszentrum jede Konkurrenzproblematik zur Innenstadt abgesprochen.

Die Bürgerinitiative zweifelt an der Glaubwürdigkeit des Gutachtens und gibt kurzerhand bei der Gesellschaft Dr. Lademann & Partner aus Hamburg ein eigenes in Auftrag. Dieses malt ein komplett anderes Bild als das des Investors. Zusammengefasst zeigt es, dass ein Einkaufszentrum der Innenstadt schaden würde. Grund dafür ist unter anderem die schlechtere Erreichbarkeit der Innenstadt. Ein Problem, dass das neue Einkaufszentrum direkt an der Bahnhofsstraße gelegen nicht haben wird. Konkurrenz für die Innenstadt ist also wahrscheinlich. Außerdem wird die Verkehrslage an der Bahnhofsstraße angesprochen, bei der das Gutachten der Bürgerinitiative Bedenken zeigt. Ein Verkehrsplaner schätze den Anstieg auf circa 1 800 Fahrzeuge zusätzlich pro Tag, das ist ein Anstieg von 30 Prozent. Doch laut CIMA-Gutachten ist es nicht notwendig, die Straße umzubauen. Insgesamt stellt die Beurteilung der Bürgerinitiative die Ansicht der CIMA als wenig glaubwürdig dar.

Neues Einkaufszentrum im Angebot

Zur gleichen Zeit führte die Stadt eine Bürgerbefragung zu dem Thema Stadtentwicklung der Fleischervorstadt und Innenstadt durch. Auf der Internetseite der Stadt Greifswald wird den Lesern versichert, dass „die Stadt die Anwohner intensiv in die Überarbeitung der städtebaulichen Planung einbeziehen“ wird. Das Ergebnis der Befragung zeigt, dass sich die Bürger mehr Nahversorgung, weniger Verkehr und mehr Kultur wünschen. Bis auf den Punkt mit der Nahversorgung widersprechen die Umbaupläne den Wünschen der Bürger. Die angebotenen Einkaufsmöglichkeiten sind unter Umständen also gar nicht gewünscht.

Im Mai 2014 wurde die Bürgerschaft in Greifswald neu gewählt. Unter anderem wurden Milos Rodatos und Erik von Malottki gewählt. Beide sind auch in der Bürgerinitiative gegen den Ausbau des KAW-Geländes aktiv. Ein Indiz dafür, dass das Thema Bahnhofshallen nicht nur die Mitglieder der Bürgerinitiative bewegt, sondern auch in einem wichtigen Gremium der Stadt angekommen ist. Schon einen Tag nach den Wahlen kam die bittere Nachricht: Die Räume von RoSa und dem Verein des Greifswald International Students Festival (GrIStuF) wurden vom Vermieter gekündigt.

 

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Ein kleiner Durchbruch

2014, im gleichen Jahr wie die aussagekräftige Bürgerschaftswahl, gelang der Bürgerinitiative ein Durchbruch. Sie konnte sich mit dem Investor auf einen Kompromiss einigen. Die geplante Verkaufsfläche des Einkaufszentrums wurde verringert, sie wird um ungefähr ein Drittel kleiner werden als ursprünglich geplant. Außerdem muss der Investor ein Platzangebot für studentische Kultur garantieren. Was auf den ersten Blick wie ein großer Erfolg aussieht, schafft bei der Umsetzung doch ein paar Probleme. Auf dem Gelände gibt es neben den Bahnhofshallen ein ehemaliges Stofflager, in das die RoSa WG und GrIStuF einziehen sollten. Dieses Gebäude hätte jedoch aus Sicherheitsgründen aufwändig saniert werden müssen, was finanziell nicht tragbar schien. GrIStuF wich in die Polly Faber aus, für die RoSa WG kam noch ein drittes Gebäude auf dem Gelände in Frage. Um dem Vermieter und auch der RoSa ein bisschen mehr Sicherheit zu geben, wurde eine dritte Partei als Vermittler hinzugezogen: das Studentenwerk. Die Räume einer ehemaligen Werkstatt werden vom Studentenwerk gemietet und an die RoSa WG untervermietet. Das im Umbau aufwändigere Stofflager wird nun an privat vermietet.

Die Stadt wiederbeleben

Neben der studentischen Kultur war die Konkurrenz zur Innenstadt der Bürgerinitiative ein Dorn im Auge. Zwar wurde die Verkaufsfläche im Rahmen der Verhandlungen mit Jürgen Sallier deutlich kleiner – auch ein Modegeschäft wurde aus der Planung gestrichen – trotzdem ist es vielen weiterhin ein Rätsel, warum so viel Energie in die Bahnhofshallen gesteckt wird. Gleichzeitig stehen andere Orte der Innenstadt, so zum Beispiel einige kleine Läden und viele Bereiche der Dompassage, leer.

Hermann Jesske, Geschäftsführer des Modegeschäfts Jesske in der Dompassage, betont, dass die Rolle der Innenstadt eigentlich ein Ort der Zusammenkunft und des Handels ist. Diese Rolle habe die Greifswalder Innenstadt jedoch verloren. Jesske erläutert, wie wichtig eine erste Anlaufstelle für eine Stadt ist. „Stellen Sie sich vor, Sie kommen am Greifswalder Bahnhof an. Wohin gehen Sie dann? Richtig, so genau weiß man das nicht! Diese Aufgabe sollte eine Innenstadt eigentlich erfüllen.“ Die Aufgabe einer schönen zentralen Stelle in der Stadt könnte in Jesskes Augen durch die Dompassage erfüllt werden. Problematisch ist momentan, dass die Dompassage in einem Insolvenzverfahren steckt. Neue Mietverträge können innerhalb von drei Monaten vom Insolvenzverwalter gekündigt werden. „Deswegen traut sich niemand, hier zu investieren und das Ergebnis sehen Sie ja: Leere“, erklärt Jesske. Verkaufsgespräche über die Dompassage seien allerdings aktueller denn je. Wenn man dem Geschäftsführer des Modehauses glaubt, ist die Dompassage der richtige Weg, die Innenstadt wiederzubeleben und nicht ein Einkaufszentrum, das vor der Innenstadt liegt. Denn gerade große Geschäfte, die sich auf einer großen Fläche wie der Dompassage ansiedeln würden, seien ein existentieller Faktor für die vielen kleinen Geschäfte, die eine Innenstadt besonders machen. Die großen Geschäfte locken Kunden von außerhalb an und füllen so auch die kleinen Läden. „Mit kleinen Geschäften kann niemand etwas bewirken oder Gewinn machen. Nur in Gemeinschaft mit größeren Läden können wir die Innenstadt wieder mit Leben füllen“, erläutert Jesske. Er ist auch in der Bürgerinitiative aktiv, die sich sicher ist, dass das Einkaufszentrum auf dem KAW-Gelände Menschen aus der Innenstadt herauszieht und dass jeder verlorene Mensch für die Innenstadt eine Katastrophe ist. Die Stadt sollte lieber in die Innenstadt investieren und hier zum Beispiel die Parkmöglichkeiten und die Zugangswege ausbauen. Zugänge zur Innenstadt findet man nur über den Hansering und eine kleine Straße am Bahnhof entlang.

Offensichtlich ist, dass sich weiterhin etwas tut, sowohl auf dem KAW-Gelände als auch in der Innenstadt. Still und ohne Diskussionen wird es wohl auch in Zukunft nicht weitergehen. Ohne die Bürgerinitiative mit Menschen wie Milos Rodatos und Hermann Jesske, den man auch als „Mister Dompassage“ kennt, würde die Innenstadt wahrscheinlich in Zukunft noch leerer aussehen als heutzutage. Es wird in den Bahnhofshallen zwar kein Festival mehr geben und auch die Partys werden auf dem Gelände eher klein ausfallen, aber immerhin wird es sie geben.

von Klara Köhler

Fotos: Klara Köhler, Jonas Greiten