„Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“, sagt der Volksmund. Das Bildungssystem schließt sich dem an und schult immer früher und schneller. Trotzdem sitzen in den Hörsälen nicht nur Studierende, die gerade erst von der Schule kommen.

Den ersten Lebenslauf schreibt man heutzutage in der Regel schon zu Schulzeiten. Im Deutschunterricht wird vor dem ersten Berufsorientierungspraktikum lang und ausführlich erklärt, welche Informationen hineingehören, wie man ihn perfektioniert und was besser ausgespart wird. Im Englischunterricht folgt kurz darauf das gleiche Spiel – nur heißt es hier „CV.“ Doch unabhängig davon, auf welcher Sprache der Lebenslauf verfasst wird, eins scheint immer festzustehen: Es geht um eine klare, strukturierte Reihenfolge. Grundschule, Gymnasium, zwischendurch vielleicht ein Auslandsaufenthalt oder ein Freiwilligendienst, Studium, eventuell eine Promotion. In manch einem Beratungsgespräch zur Berufs- und Studienorientierung keimt mitunter der Verdacht auf, es gäbe von dem eingeschlagenen Weg kein Zurück mehr, hat man sich einmal entschieden.

Dass es auch andere Lebensläufe gibt, zeigen Menschen, die sich mit über 30 Jahren dazu entschließen, ein Studium aufzunehmen oder ein zweites Mal zu studieren. Die Gründe dafür sind vielfältig. Ein spätes Studium ist ein bedeutender Neuanfang, der sehr gut überlegt und geplant sein will.

Das Privileg zu studieren

Davon berichtet auch Lenore*, die mit 43 Jahren nun im ersten Semester Kunst und Philosophie auf Lehramt studiert. Nach ihrem ersten Studienabschluss als Diplom-Chemikerin arbeitete sie viele Jahre in der Pharmaindustrie. Aufgrund verschiedener wirtschaftlicher und betriebsinterner Faktoren war eine langfristige Jobperspektive bald nicht mehr gegeben. „Aber nur zuhause bei den Kindern zu bleiben, war für mich auch keine Option“, erzählt sie, zumal ihr die zeitaufwändigen Projekte in ihrem Job gezeigt haben, dass sie durchaus in der Lage ist, Vollzeitarbeit und Kinder zu vereinbaren. Die Entscheidung, noch einmal zu studieren, sei ihr zwar leicht gefallen. Diesen Schritt auch tatsächlich zu gehen, war aber nur in enger Absprache mit ihrer Familie möglich. „Ich bin sehr froh, dass mein Mann das mitträgt. Schließlich ist er jetzt erst einmal Alleinverdiener“, bringt Lenore einen entscheidenden Faktor des späten Studiums zur Sprache. Sie hat zudem das Glück, genug finanzielle Rücklagen zu haben, mit denen sie ihre Studienkosten decken kann. Für andere, die sich erst spät zu einem Studium entschließen, ist das vielleicht schwieriger. Auch einen Partner, der die laufenden Kosten in der Familienkasse übernimmt, hat nicht jeder. In einem solchen Fall ist die Finanzierung des Studiums womöglich komplizierter, denn es wird nicht nur von der Krankenkasse der volle Beitragssatz gefordert. Auch Unterstützungsmöglichkeiten wie BAföG oder Studienkredite sind ab einer gewissen Altersgrenze nur noch in Ausnahme-fällen zu bekommen. Wer dann nicht auf Erspartes zurückgreifen kann und neben dem Studium Vollzeit arbeiten muss, für den ist der Schritt in den Hörsaal ein enormes finanzielles Wagnis.

Mit großem organisatorischem Aufwand ist ein spätes Studium in beiden Fällen verbunden. Wer Vollzeitjob, Seminare und Lernphasen unter einen Hut bekommen muss, wünscht sich sicherlich genauso einen achten Tag in der Woche wie Studierende, die Kinderbetreuung und die Organisation eines Familienhaushalts koordinieren müssen. Eine klare Struktur ist hier das A und O: Prüfungen schieben und Sätze wie „Ja, mach‘ ich dann in den Semesterferien“ sind nur schwer möglich. „Der Tag ist total durchorganisiert. Alles läuft in enger Absprache mit meinem Mann ab“, erzählt Lenore von ihren Erfahrungen. Das wilde Studentenleben neidet sie ihren jüngeren Kommilitonen aber nicht. „Jedes Alter hat seine Besonderheiten.“ Das lockere Studieren mit genug Zeit für Party hätte sie schließlich in ihrem ersten Studium schon gehabt. Jetzt ersetzt das Lehramtsstudium den Vollzeitjob. Gelernt wird, wenn die Kinder schlafen, die Prüfungsvorbereitung findet an Wochenenden statt. Lenores wichtigste Strategie, die sie sich schon in ihrem Chemie-Studium angeeignet hat, ist, kontinuierlich am Ball zu bleiben. Das Aufarbeiten des Stoffs fällt ihr auf diese Art leichter. Ein Vorteil: auch während ihres Berufs musste sie sich weiterbilden und so das Lernen nicht erst wieder neu einüben. Darüber hinaus besucht Lenore jede Vorlesung, jedes Seminar und jedes Tutorium. „Ich empfinde es als absolutes Privileg, dass ich noch einmal die Chance habe zu studieren“, erklärt sie, „warum sollte ich dann die Angebote, die ich bekomme, nicht auch nutzen?“

Diese Meinung deckt sich auch mit den Beobachtungen von Doktor Moritz Cordes, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Theoretische Philosophie. Seine Erfahrung zeigt, dass ältere Studierende tendenziell versuchen, alle Unterrichtsangebote wahrzunehmen und regelmäßiger erscheinen als ihre jüngeren Kommilitonen. Wenn sie aufgrund von Nebenpflichten, wie Familie oder einem unflexiblen Nebenjob, an Lehreinheiten nicht teilnehmen können, melden sie sich im Vergleich zu jüngeren Studierenden außerdem eher bei ihren Dozenten ab und entschuldigen sich für ihr Fehlen. Auch die Bereitschaft, im Nachhinein auf den Dozenten zuzugehen und nach der Bereitstellung von weiterführenden Informationen oder Büchern zu fragen, kann Cordes bei älteren Studierenden erkennen. „Diejenigen, die später ein Studium aufnehmen, setzen sich sehr gewissenhaft mit den Inhalten auseinander und arbeiten das Material gut durch“, berichtet er. Was natürlich nicht heißt, dass Studierende, die gerade erst ihr Abitur gemacht haben, grundsätzlich unregelmäßig arbeiten würden. Liegt das Abitur hingegen länger zurück, sei in ihrem Arbeitsverhalten sehr deutlich die bewusste Entscheidung zu dem jeweiligen Fach erkennbar. Das zeige sich auch in ihren Leistungen, die tendenziell über dem Durchschnitt der jüngeren Studierenden lägen.

An Doktor Cordes Lehrveranstaltungen nehmen nicht übermäßig viele ältere Studierende teil, sodass ihm diese besonders auffallen. Auch im Sozialverhalten der Studierenden kann er Besonderheiten erkennen. Sie gingen meist mit mehr Distanz in die Seminare und würden eher alleine sitzen. Während die jüngeren Kommilitonen einer Gruppendynamik folgen und noch im Prozess der Selbstfindung stecken, sind sich die Älteren ihrer „sozialen Einheit“ schon bewusst, was sich im Unterrichtsgeschehen ebenfalls bemerkbar macht. „Sie zeichnen sich durch große Interessiertheit aus, halten sich mit Wortbeiträgen aber eher zurück und lassen den jüngeren Kommilitonen den Vortritt“, berichtet Cordes. Auch könnten sie eher abschätzen, ob abwegige Fragen, die sie beschäftigen, seminarrelevant sind oder nicht. Meistens kommen die Aktiveren unter ihnen nach der Lehrveranstaltung mit ihren Fragen zu ihm.

Umsatteln oder Rente

Wie es für ihn, einen jungen Dozenten, ist, Studierende zu lehren, die älter sind als er selbst? „Im ersten Moment ist es vielleicht komisch“, gibt er zu, „ich sieze anfangs erst einmal, obwohl ich sonst alle Studenten duze.“ Aber dann schaffe er es recht schnell, aufs Fachliche überzugehen und es herrsche eine ganz normale Dozenten-Studierenden-Beziehung wie mit jedem anderen auch. Auch für Lenore ist es nicht befremdlich, Dozenten zu haben, die jünger sind als sie selbst. Sie erinnert sich, im ersten Studium viel größere Ehrfurcht vor Professoren gehabt zu haben. Den Mut, einen Dozenten einfach anzusprechen und eine Frage zu stellen, hätte sie damals nicht so ohne weiteres gehabt. Hier macht sich ihre Berufserfahrung verdient. „Letztendlich weiß ich, dass, wenn ich mich nicht traue zu fragen, ich mir damit selbst keinen Gefallen tue.“

Obwohl die Frage nach der Motivation für das Studium eigentlich jedem gestellt werden könnte, trifft sie ältere Studierende häufiger. Ganz nach dem Motto „Was, du willst zurück an die Uni?“ oder „Mensch, ich denk schon an die Rente und du sattelst noch einmal um?“ Solche Fragen können nerven oder verärgern, und verletzen, wenn man das Gefühl vermittelt bekommt, mit dem ungewöhnlichen Lebensentwurf nicht ernst genommen zu werden. Diese Erfahrung ist Lenore erspart geblieben. In ihrem Bekanntenkreis hat sie mit ihrem erneuten Studium keine Ablehnung erfahren. Die Gründe für den neuen Abschnitt fasst sie so zusammen: „Ich steh jetzt erst auf der Hälfte meiner Berufslaufbahn, da ist es völlig legitim, noch einmal umzuschulen.“ Wenn sie in ein paar Jahren das Referendariat hinter sich hat, liegen immer noch gute 17 Jahre Berufsleben vor ihr. Sie ist optimistisch: „Wenn ich an die Schule komme, bin ich hochmotiviert. Anders als vielleicht gleichaltrige Kollegen, die schon keine Lust mehr aufs Unterrichten haben.“ Ein spätes Studium bedeutet also keinesfalls einen Bruch in einem vermeintlich perfekten Lebenslauf. Lenore weiß: „Nichts, was ich bislang gemacht habe, war umsonst.“

Und der Volksmund fügt hinzu: „Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir.“ Was Hänschen nicht lernt, kann Hans eben doch noch lernen.

von Constanze Budde

Foto: Laura Promehl